"Lichtschrift" erinnert an jüdisches Bethaus in Wien

4. Oktober 2004, 16:40
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Durchbrochene Gedenktafel vor "arisiertem" Gebäude - Nunmehrige Hauseigentümer waren gegen Anbringung

Wien - In der Schottenfeldgasse in Wien-Neubau wurde Donnerstag Abend eine ungewöhnliche Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an ein ehemaliges jüdisches Bethaus, das im Zug des Novemberpogroms 1938 verwüstet worden ist. Die Tafel wurde zehn Zentimeter vor dem Haus auf öffentlichen Grund errichtet. Die Inschrift wurde eingefräst, durch den Lichteinfall werden die Zeilen somit auf das Haus projiziert. Die Eigentümer des Gebäudes haben nämlich der Anbringung einer echten Tafel nicht zugestimmt, hieß es im Rathaus.

Das Haus selbst ist 1940 "arisiert" worden. Laut dem stellvertretenden SP-Bezirksvorsteher Rainer Husty steht es noch immer im Besitz jener Familie, die damals den Bau übernommen hat. Ihm sei lediglich ein einziges Argument bekannt, das von den Eigentümern gekommen ist - nämlich dass Gedenktafeln meist beschmiert werden und darum eine Anbringung nicht erwünscht ist. "Aber eine wirkliche Verhandlungsbasis hat es mit den Besitzern nicht gegeben", sagte Husty.

"Lichterne Gedenktafel"

Nun erinnert die "lichterne Gedenktafel" an das Bethaus sowie an die vertriebenen und ermordeten Neubauer Juden. Unter mehreren Vorschlägen wurde ein Entwurf ausgewählt, der ein Gedicht Erich Frieds trägt. Die Tafel selbst besteht aus einer gefrästen Stahlplatte.

Enthüllt wurde die Tafel bei einer Gedenkveranstaltung um 18.00 Uhr, an der neben dem stellvertretenden Bezirksvorsteher Husty auch die Wiener Integrationsstadträtin Sonja Wehsely (S) teilnahm. Die Platte mit der Inschrift wurde dabei von einem Scheinwerfer angestrahlt. Aber auch bei Tageslicht sollen die Zeilen auf der Fassade erkennbar sein. (APA)

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    foto: michael vosatka
  • Das arisierte Haus in der Schottenfeldgasse 60. Zu der Veranstaltung kamen an die hundert Menschen.
    foto: michael vosatka

    Das arisierte Haus in der Schottenfeldgasse 60. Zu der Veranstaltung kamen an die hundert Menschen.

  • Florian Wenninger von der Sozialistischen Jugend, die sich beharrlich für die Errichtung einer Gedenkstätte eingesetzt hat
    foto: michael vosatka

    Florian Wenninger von der Sozialistischen Jugend, die sich beharrlich für die Errichtung einer Gedenkstätte eingesetzt hat

  • SP-Integrations­stadträtin Sonja Wehsely betonte die wichtige Signalwirkung der Gedenktafel. Sie freute sich über den "Schlag gegen die Reaktion".
    foto: michael vosatka

    SP-Integrations­stadträtin Sonja Wehsely betonte die wichtige Signalwirkung der Gedenktafel. Sie freute sich über den "Schlag gegen die Reaktion".

  • Die Gedenktafel wird vom einem Zitat Erich Frieds geziert. Durch die durchbrochene Schrift entsteht an der Hausmauer eine Gedenktafel aus Licht.
    foto: michael vosatka

    Die Gedenktafel wird vom einem Zitat Erich Frieds geziert. Durch die durchbrochene Schrift entsteht an der Hausmauer eine Gedenktafel aus Licht.

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