Distanz und Empathie

30. September 2004, 18:09
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Historisch: Mit Jonas Mekas und einem Kurzfilm nach "Williamsburg, Brooklyn"

Am 11. September 2001 waren viele Kameras aufs World Trade Center gerichtet. Die Menschen in Brooklyn und New Jersey sahen den Einsturz der Türme in der Totale, sie waren Augenzeugen und doch in sicherer Entfernung. Jonas Mekas filmte damals mit einer Videokamera eine Einstellung, bei der aus dem Off das ungläubige Entsetzen zu hören ist, während sich eine Wolke über Manhattan legt.

Die Sequenz tauchte wenig später in Paul Virilios Ausstellung Ce qui arrive wieder auf, als Partikel in einer Katastrophenforschung, die im Blick aufs World Trade Center ihre zentrale Achse hatte. In seinem Kurzfilm Williamsburg, Brooklyn zieht Mekas nun allerdings eine andere historische Linie: Sie führt nicht zu einer Moderne, deren Komplexität nahezu notwendig das Desaster nach sich zieht; sie führt zurück in einen Zustand der Stadt New York, der eine mythische Lebensform beschwört, einen urbanen Urzustand vor der Vorherrschaft des Verkehrs und der Werbung im öffentlichen Raum.

Mekas, der bald nach dem Zweiten Weltkrieg aus Litauen in die USA emigrierte, fand sich in New York mit der Kamera zurecht. Williamsburg, direkt gegenüber Manhattan gelegen, aber eben doch in Brooklyn, empfand er als Idyll. Das Material, das er um das Jahr 1950 drehte, bewahrte er in seinem riesigen Archiv auf, aus dem er in den letzten Jahren immer neue kurze und sehr lange Filme montiert.

In Williamsburg fand er ein Milieu, in dem er noch nicht als Künstler unterwegs war, wie später in der Lower East Side. Er war einfach "in the streets", sammelte bewusst jene Genreszenen, die im frühen Kino zufällig entstanden, auf die er selbst jedoch den eigentlichen Wert legte.

Während Mekas bald nach Manhattan übersiedelte, blieb Brooklyn bis in die 70er-Jahre von der Gentrifizierung verschont, in Williamsburg dauerte es vollends bis in die 90er, bis die Galeristen und Künstler den Stadtteil in Beschlag zu nehmen begannen.

Der Blick auf das World Trade Center am Tag der Anschläge enthält noch beides: die Distanz zwischen den Lebensformen hüben und drüben, aber auch die Empathie einer neuen Gemeinschaft. Jonas Mekas gibt in Williamsburg, Brooklyn dieser Distanz und dieser Empathie eine historische Dimension.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

17.10., 21.00
Metro
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    Jonas Mekas

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