Der Leidensweg des Maulwurfs

30. September 2004, 18:11
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Die Nachtschiene der Viennale zeigt heuer "Mitternachtskino aus China, Japan, Hongkong, Südkorea, Taiwan und Thailand"

Ein Höhepunkt des "Fear East"-Programmes: die Aufführung der Trilogie "Infernal Affairs / Wu jian dao" von Andrew Lau und Alan Mak.


In Hongkong herrscht kalter Krieg: Die Polizei und das organisierte Verbrechen stehen einander gegenüber wie zwei Supermächte. Beide Gruppen sind auf einen langen Stellungskrieg eingerichtet, mit Spitzeln in beiden Reihen, von deren Entdeckung es abhängt, ob die Triaden zerschlagen werden können oder aber über die ganze Stadt wuchern.

Yan (Tony Leung) ist der "Maulwurf" der Polizei. Er arbeitet sich langsam vor in die Umgebung des Bosses Sam (Eric Tsang), gewinnt dessen Vertrauen, aber je näher er dem Zentrum kommt, desto stärker gerät er selbst unter Verdacht. Der Polizist Ming (Andy Lau) macht inzwischen Karriere, ohne dass jemand dahinterkommt, dass er die Interessen Sams vertritt, der ihn vor vielen Jahren auf die Polizeiakademie geschickt hat. Bei einer Drogenübergabe mit heißer Ware aus Thailand arbeiten Yan und Ming mit allen Mitteln gegeneinander, mit moderner Überwachungstechnologie der eine, mit primitiven Morsezeichen der andere. Es gibt keine Sieger in dieser Konfrontation, nur individuelle Opfer.

Infernal Affairs von Andrew Lau und Alan Mak war nicht von Anfang an als Trilogie geplant. Aber der erste Teil, in dem die Geschichte von Yan und Ming erzählt wird, war so erfolgreich, dass der zweite und der dritte Teil daraus hervorgingen wie eine epische Konsequenz. Dass die Handlung dabei immer kühner zwischen den Zeitebenen und Konstellationen hin- und herspringt, ist Ausdruck der Souveränität, die das Genrekino in Hongkong wiedergefunden hat. Es ist aber auch Ausdruck einer buddhistischen Philosophie, die dem ganzen Projekt zugrunde liegt:

Im kantonesischen Original tragen die Infernal Affairs den Titel "Der Weg des ununterbrochenen Leidens". Formen der Zeit werden zueinander in Beziehung gesetzt: Die Erbfolgekriege der Triaden stehen für die Permanenz einer Organisation, die sich in inneren Kämpfen ständig erneuert. Die Ausbildungsjahrgänge der Polizei sind die Jahresringe einer Gesellschaft, die ihre Ordnung auch dann verteidigen will, wenn sie sich dramatisch verändert. 1997 markiert die historische Zäsur, die für die Banden neue Märkte erschließt, für die Polizei neue Rahmenbedingungen setzt.

Das Individuum ist in dieser Konzeption von geringer Bedeutung, es wird aber heftig betrauert, denn es sind die größten Stars des Hongkong-Kinos, die in Infernal Affairs die Hauptrollen spielen: Anthony Wong als Superintendent der Polizei ist ein väterlicher Freund für Yan. Eric Tsang als Sam ist ein gefährlicher Spaßvogel. Im ersten Teil sterben zwei wichtige Protagonisten, wodurch der zweite Teil notwendig zu einem Prequel wurde: Nach der Ermordung des Paten Kwun bringen sich die Lager in Stellung. (Yan und Ming werden hier von jüngeren Stars gespielt.)

Die Parallelen von Infernal Affairs II zum zweiten Teil der Godfather-Trilogie von Francis Ford Coppola bekunden auch einen Anspruch: Das Hongkong-Kino hat sein verbindliches Epos gefunden, in dem die Schauspielergenerationen der 90er-Jahre alle zusammenkommen. Im dritten Teil ist der Zeitfluss vollständig diskontinuierlich – in der Philosophie der Filme ist dies das eigentliche Charakteristikum der "Hölle", auf die Infernal Affairs anspielt. Shen, ein Geschäftsmann vom Festland, ordnet die Hierarchien neu.

Während der Spitzel Ming bei der Polizei im Zentrum angelangt ist, in der Abteilung für "Internal Affairs", bricht seine Basis in der Außenwelt weg. Yan, hier wieder von seinem eigentlichen Selbst Tony Leung gespielt, entfernt sich in einer Rückblende am weitesten von seinem Auftrag: Um die Triaden zu unterwandern, muss er ihre Grausamkeit überbieten. Für die Operationen auf unsicherem Grund haben Andrew Lau und Alan Mak eine perfekte visuelle Form gefunden: einen Stil aus Chaos und Kontemplation.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

"Wu jian dao" I–III:
17., 18., 19.10.,
23.00, Gartenbau

Wh: 25.10., Metro,
18.30, 21.00, 23.30
  • Andy Lau in "Wu jian dao"
    foto: viennale

    Andy Lau in "Wu jian dao"

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