"Welcome to the family!"

30. September 2004, 18:05
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Die Dokumentation "Some Kind of Monster" zeigt die US-Metalstars Metallica in der Krise

Drei Multimillionäre und ein Therapeut auf der Suche nach dem guten Menschen im harten Geschäft.


Wien – Die schönsten Dialoge schreibt das Leben. Wenn drei Dollarmultimillionäre miteinander zum Beispiel beim Geschäftemachen erhebliche Probleme haben, weil einer wegen seiner Gesundheit und aus Frust gekündigt hat, kann es zu prächtigen Wortwechseln wie diesem gelangen: "Können wir darüber nächste Woche reden? – Nein, nächste Woche können wir nicht darüber reden. Nächste Woche haben wir Gruppentherapie."

An anderer Stelle wird Schlagzeuger Lars Ulrich, den wir jetzt einfach einmal so den "Kopf" der US-Superstars Metallica nennen wollen, diesen schönen Satz prägen: "Musik ist für mich irgendwie immer ein wichtiger Bestandteil eines Albums."

2001 quittierte Bassist Jason Newsted nach fünfzehn Jahren den Dienst bei der weltgrößten Metalband. Auch die drei verbliebenen Mitglieder, neben Lars Ulrich noch Gitarrist und Brülltier James Hetfield und Gitarrist Kirk Hammett, konnten sich nicht mehr wirklich riechen. Allerdings stand die Produktion eines neuen Albums auf dem Plan.

Gemeinsam mit Metallicas langjährigem Produzenten Bob Rock entschlossen sich die härtesten Musiker im Geschäft zu einer zumindest für weite Teile ihrer Stammhörer unfassbaren Weicheiaktion. Statt sich einfach aufzulösen und die Egoprobleme beim Kunstsammeln, Dragsterfahren, Wodkasaufen oder Bärenschießen in Sibirien zu pflegen, traf man sich regelmäßig in einem Luxushotel in San Francisco, um die weiche Birne im harten Kern von Metallica zu entdecken.

Bezüglich der Sensibilisierung von dekadenten Drogenschädeln muss zwar noch immer die unfassbare und demnächst verfilmte Autobiografie The Dirt der kalifornischen Pudelmetaller Mötley Crüe gelten.

Was aber hier während 140 quälender Minuten den Mythos der Band nach den unseligen Napsterprozessen gegen Tausende ihrer Fans möglicherweise unabsichtlich endgültig demontiert, das ist neben dem nicht enden wollenden oberflächlichen Gefasel, speziell des Therapeuten bezüglich "Kreativität" und "sich öffnen", schlichtweg eines: die unvorstellbare Langeweile der Protagonisten während der Studioarbeiten.

Unter der unspektakulären Regie von Joe Berlinger und Bruce Sinofsky sieht man in Some Kind of Monster, wie James Hetfield angewidert von all dem Gefasel das Handtuch wirft und für ein ganzes Jahr die Band verlässt, die im Genre zwei Jahrzehnte lang den Spitznamen "Alcoholica" trug. Er beginnt einen Entzug bei Frau Betty Ford: "Für euch mag Metallica wie ein Freund wirken, für mich ist diese Band eine Bestie."

Lars Ulrich kauft inzwischen neue Ländereien und verscherbelt aus Platznot für mehrere Millionen Dollar Teile seiner zeitgenössischen Kunstsammlung ("Cleaning the house!"). Kirk Hammett findet Ruhe und Kraft beim Cowboy spielen – und der Hippievater von Lars Ulrich gibt dem Sohn im Studio wertvolle Tipps zum neuen Songmaterial: "Wirf das weg! Es klingt einfach nicht gut."

Nach mehr als zwei Jahren wird das Album St.Anger dann doch noch fertig. Unter widrigsten Arbeitsbedingungen, weil der persönliche Drogentherapeut von Hetfield und der Gruppentherapeut der Band verschiedene Ansichten über die Arbeitszeiten im Studio haben.

Hetfield: "Ich arbeite wochentags von Mittag bis vier Uhr Nachmittag, dann muss ich joggen gehen. Und auch ihr werdet anschließend nicht hinter meinem Rücken weitermachen. Das wäre ein schwerer Vertrauensbruch!"

Am Schluss wird der Therapeut gefeuert und ein neuer Bassist gecastet. Bevor eine weitere Welttour losgeht, erhält dieser eine Million Dollar. Er verdrückt darüber ein paar Tränen. Hetfield: "He, beruhige dich, das ist doch nur der Vorschuss. Willkommen in der Familie!" Some Kind of Monster.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.10.2004)

Von
Christian Schachinger

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    foto: viennale
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