Nur keinen Nachruf zu Lebzeiten!

25. Oktober 2004, 15:08
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Tribute an Lauren Bacall, die das Festival mit ihrem Besuch beehrte und ein grandioses Rätsel bleiben wird

Nach Maureen O'Hara und Fay Wray widmet die Viennale nun einer weiteren großen Lady des US-Kinos ein Tribute-Programm: Lauren Bacall wird das Festival mit ihrem Besuch beehren – und ein grandioses Rätsel bleiben.


Kürzlich bei den Filmfestspielen in Venedig, so hört man, wurde Hollywoodstar Nicole Kidman bei einer Pressekonferenz vor ehrfürchtigem Auditorium gefragt, wie man sich denn so fühle als "Legende". Die nicht weniger prominente Lady, die neben Kidman auf dem Podium saß, soll darauf mit einer gewissen Schärfe eingeworfen haben: "She's not a legend; she's an actress."

Wir dürfen dies getrost unter "Expertise" verbuchen: Lauren Bacall, die – bis zum heutigen Tag höchst aktiv – zuletzt mit Kidman in Jonathan Glazers Thriller Birth (und vorher schon in Lars von Triers Dogville) agiert hatte – sie weiß vermutlich wie kaum sonst jemand über Glanz und Tücke zeitgenössischer Legendenbildung Bescheid.

Wenn Bacall vielleicht auch für sich selbst den Titel "Legende" ablehnen würde, so ist sich doch zumindest wesentlicher Bestandteil großer Sagen des 20. Jahrhunderts, die da heißen: Schwarz-Weiß-Träume, Film noir, Howard Hawks, Humphrey Bogart, das Studiokino der 40er- und 50er-Jahre. Wie immer, wenn dann die steile Karriere einer gerade einmal 19-jährigen Schauspielerin nacherzählt wird, die fürs Kino über ein Cover von Harper's Bazaar entdeckt wurde, kommen wir unausweichlich zu so genannten Sätzen für die Ewigkeit.

"Haben Sie Feuer?" zum Beispiel: An sich (als Erstauftritt in To Have and Have Not, 1944) gar nicht so sensationell, aber diese Stimme! (Hawks soll ihr vorher nahe gelegt haben, mit tieferer Stimme, langsamer, aggressiver zu artikulieren.) Und: dieser Blick! Oder, vielleicht nur ein Gerücht: Kurz vor Bacalls Engagement soll Bogart die nervöse Debütantin mit einem legeren "Wir werden viel Spaß zusammen haben" beruhigt haben. Gar nicht erst zu reden vom ewigen Bacall-Klassiker: "Pfeif einfach, wenn du mich brauchst. Du weißt doch, wie man pfeift? Du spitzt einfach die Lippen und bläst."

Muss man dann noch The Big Sleep (1946) erwähnen? Die Ehe mit Bogart? Die damals sehr mutige Opposition in Zeiten der schwarzen Listen unter McCarthy? Weitere Großtaten, etwa in John Hustons Key Largo (1948), Vincente Minnellis The Cobweb (1955) oder Designing Woman (1957)? Man kann, aber wer wollte Lauren Bacall, wenn sie jetzt anlässlich der Viennale Wien besucht, mit einem Nachruf zu Lebzeiten begrüßen? Sie reagiert auf so etwas eher allergisch. Als sie vor vier Jahren in Stockholm für ihr Lebenswerk, "Geradlinigkeit, Intelligenz und den ironischen Blick" geehrt wurde, meinte sie nur: "Manchmal muss ich mich selbst zwicken, um sicher zu sein, dass ich nicht tot bin."

Suche nach Inspiration

Gute Witze auf eigene Kosten seien eine ihrer Spezialitäten, heißt es. Und gerade wenn man nachschlägt, was Bacall in den letzten Jahren alles gespielt und gearbeitet hat (was die Viennale etwas zu wenig ausstellt), dann kommt man immer wieder auf Ausweichmanöver einer (kürzlich immerhin 80 gewordenen) Künstlerin, die (ähnlich wie in Frankreich Catherine Deneuve) kein Interesse daran zeigt, sich in ihrer eigenen Vergangenheit einzementieren zu lassen. Die sich weiterhin inspirieren lassen will, so wie sie selbst mit ihrer Vorgeschichte und ihrer Aura Regisseure und Autoren inspiriert.

Wenn dies dann in einem Fall wie Dogville höchst unkonventionelle Ergebnisse zeitigt, dann nimmt Bacall auch härtere Drehbedingungen gelassen in Kauf: Lars von Trier, für den sie wie der Rest des Ensembles wochenlang permanent am Set anwesend sein musste – ihm stellte sie sich jetzt auch für das Sequel Manderlay zur Verfügung.

Und wenn ein Film grauenhaft schlecht wird wie etwa Bernard-Henri Lévys Le jour et la nuit, dann ist zumindest der Kontext von Philosophie und Cinephilie interessant, in den sich die Schauspielerin mit Großzügigkeit und Risikofreude begibt. Selbst die Egomanin Barbra Streisand spielte sie so in The Mirror Has Two Faces (1996) noch locker an die Wand – und erhielt dafür verdient einen Golden Globe.

"Halbe Sachen interessieren mich nicht" – "Halfway is not my way". Es muss damals in den 40er-Jahren bei allem "Spaß", den ihr Bogart verhieß, ziemlich viel Mut erfordert haben, in einer ruppigen Männerdomäne gegenzuhalten, den Herrschaften nicht selten sogar die Show zu stehlen und dabei nicht größenwahnsinnig zu werden.

Aber wenn man Bacall heute in Berichten mit ihren Kindern aus den Ehen mit Bogart und Jason Robards sieht ("Jemanden zu haben, mit dem man lachen kann – das ist das Größte"), dann denkt man: Vielleicht war Größenwahn nie eine Option. Schenkt man Viennale-Direktor Hans Hurch Glauben, dann hatte er bei der Einladung nach Wien in ihr ein denkbar unprätentiöses Gegenüber.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.10.2004)

Von
Claus Philipp

  • Lauren Bacall in "Cobweb"
    foto: viennale

    Lauren Bacall in "Cobweb"

  • Bogart & Bacall in "To Have And To Have Not"
    foto: viennale

    Bogart & Bacall in "To Have And To Have Not"

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