Der Riss und seine Fäden

24. Oktober 2004, 20:58
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Menschen, in deren Leben eine Lücke klafft, stehen im Mittelpunkt der Filme von Koreeda Hirokazu: ein sehenswertes Special

Ein Begrüßungsbesuch beim Hausherrn ist der erste Schritt von Mutter und Sohn nach dem Wohnungswechsel; die erste Irritation tritt schon mit der Ankunft der Koffer ein, denn keine Kleidungsstücke stecken darin, sondern der restliche Teil der Familie – drei weitere Kinder, jedes davon von einem anderen Vater, die fortan heimlich, gleichsam als blinde Passagiere, den Haushalt teilen. Sie gehen nicht zur Schule, sie dürfen nicht einmal das Haus verlassen.

Nobody Knows / Dare mo shiranai, der jüngste Film des japanischen Regisseurs Koreeda Hirokazu, beruht auf einer wahren Begebenheit: eine soziale Ausnahmesituation, die als eine Art Miniatur Defekte einer modernen Gesellschaft vorführt. Koreeda geht es jedoch um keine Anklage, er schildert einen Prozess: Die Mutter bleibt über Tage hinweg fort, irgendwann verschwindet sie ganz. Akira (Yagira Yuya), der Älteste, ein Zwölfjähriger, übernimmt die Sorge für seine Geschwister.

Wie in einem Labor wird in Nobody Knows die Perspektive nach innen gekehrt, auf das Miteinander der Kinder gerichtet. Die Kamera sucht Detail- und Nahaufnahmen, unmittelbare und dennoch objektive Zeugnisse für ein System, das anfänglich noch recht reibungslos weiterläuft. Es liegt an der Disziplin Akiras, dass es nicht gleich kollabiert; das Zusammensein wiegt den Wunsch auf, so zu leben wie die anderen, die sich draußen in Freiheit bewegen.

Die graduelle Verwahrlosung kann dadurch natürlich nicht verhindert werden. Doch das genaue Beobachten Koreedas (bei Verzicht auf dramatische Wendungen) macht deren Verlauf sichtbar: An den längeren Haaren, der Abstumpfung und Verhärtung der Kinder wird deutlich, was geschieht, wenn Bausteine des Lebens brüchig werden. Das Interesse an solchen Lücken, am Ausfall bestimmter Koordinatensysteme, zieht sich durch das gesamte Werk des 1962 geborenen Regisseurs, der sein Handwerk beim Fernsehen als Dokumentarist erlernte.

Mann ohne Erinnerung

Auch Krankheiten können derlei Lücken bewirken, wie in August Without Him / Kare no inai hachigatsu ga (1994), einer Dokumentation über den ersten Aidskranken Japans, der öffentlich zu seiner Erkrankung Stellung bezog. Oder wie in Without Memory / Kioku ga ushinawareta toki (1996), in dessen Mittelpunkt Sekine Hiroshi steht, der seit einer Operation an einer spezifischen Form von Gedächtnisverlust leidet. Koreeda geht es dabei nicht so sehr um die Krankengeschichte – Sekine wurde im Spital einer vitaminlosen Nahrung ausgesetzt –, er zeichnet vielmehr das intime Porträt eines Menschen, der ständig die jüngste Vergangenheit vergisst.

Ähnlich wie in Nobody Knows lautet auch in Without Memory die zentrale Frage, wie sich unter solch erschwerten Umständen ein normaler Familienalltag aufrechterhalten lässt. Täglich aufs Neue erklärt Sekines Frau ihm die gegenwärtige Situation – darüber hinaus veranschaulicht Koreeda das Thema des Vergessens über die Bilderproduktion: Das Familienalbum wird einerseits zu Sekines Krücke, zugleich zur schmerzhaften Bewusstwerdung seiner Krankheit.

Das Trauma des Verlusts, die Bedeutung der Erinnerung – das sind auch die Themen von Koreedas bisherigen Spielfilmen: Maboroshi / Maboroshi no hikari (1995) erzählt von der jungen Frau Yumiko, deren Mann ohne erkennbares Motiv Selbstmord begeht – ein Riss, der den Film auch formal prägt. In strengen, unbewegten Einstellungen wird Yumikos Versuch gezeigt, auf dem Land ein neues Leben zu beginnen. Aber der unerklärliche Verlust holt sie in der Abgeschiedenheit immer wieder ein.

In After Life / Wandafuru raifu (1998) geht Koreeda den umgekehrten Weg: Gerade Verstorbene geraten hier zu einer Art Behörde. Innerhalb einer Woche haben sie in Gesprächen eine schöne Erinnerung zu wählen, die sie dann ins endgültige Jenseits begleitet. Ein ganzes Panoptikum fragmentierter Biografien wird derart aufbereitet, wobei es mehr um ephemere Eindrücke – eben flüchtige Impressionen des Glücks – denn um gewichtige Ereignisse geht. Der Witz daran: Die Erinnerungen werden als Filme neu hergestellt – und sind, selbst wenn sie sich gleichen, von jedem ein wenig anders besetzt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.10.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh
  • Artikelbild
    foto: viennale
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