Wider die Metaphysik

7. Oktober 2004, 11:20
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Philipp Frank, Mitglied des Wiener Kreises, kämpfte gegen den metaphysischen Missbrauch der großen physikalischen Theorien

Wien - Er hätte auch heute noch genügend zu kritisieren. Zum Beispiel das Bestreben, jüngste Forschungsergebnisse aus der Quantenmechanik ins Metaphysische zu übersetzen. Oder den Hang zum Determinismus, der gerade in der biologischen Diskussion über den Beginn menschlichen Lebens spürbar ist: Philipp Frank, als Mitglied im Wiener Kreis ein Verfechter des Logischen Empirismus, wäre in diesem Jahr 120 geworden. Dem jüdischen Physiker und Wissenschaftsphilosophen, ein Leben lang im Schatten seines Freundes Albert Einstein und 1966 in den USA gestorben, widmete das Erwin-Schrödinger-Institut Montag und Dienstag ein Symposium.

Auch wenn die Mitglieder des Wiener Kreises - neben Philipp Frank etwa Otto Neurath, Hans Hahn, Richard von Mises, Rudolf Carnap und Moritz Schlick, um nur einige zu nennen - mitunter sehr unterschiedliche Standpunkte vertraten, so gründete sich deren Denken doch auf zwei kleinste gemeinsame Nenner: auf das Basistheorem, wonach Erkenntnis ausnahmslos aus Erfahrung resultiere, und auf das Sinntheorem, nach dem der Sinn eines Satzes die Methode seiner Verifikation sei.

An die Stelle der traditionellen Metaphysik, deren Aussagen als sinnlos bezeichnet wurden, müsse eine wissenschaftliche Philosophie treten, aus der schließlich eine von der (lediglich überholte Weltbilder konservierende) Metaphysik befreite "Wissenschaftliche Weltauffassung" hervorgehen müsse.

Polemik über spezielle Relativitätstheorie

Als Philipp Frank 1912 als Nachfolger Albert Einsteins (der spätere Nobelpreisträger hatte den Wiener Physiker, der 1947 die erste wissenschaftlich fundierte Einstein-Biografie veröffentlichte, selbst vorgeschlagen) an die Deutsche Universität Prag berufen wurde, geriet er bald in eine Polemik mit dem Brentano-Schüler Christian von Ehrenfels über die Lehren aus der Speziellen Relativitätstheorie, in deren Hintergrund auch der Kampf um das geistige Erbe Ernst Machs stand.

Innerhalb der folgenden 26 Jahre seines Wirkens in Prag mischte sich Frank ständig in die intellektuellen Diskussionen um die Interpretation und den Stellenwert der modernen Physik ein, in seiner Interpretation der Quantenmechanik scheute er auch den Konflikt mit Max Planck und anderen Größen der damaligen Zeit nicht. Die neuen physikalischen Theorien wurden in Franks Augen dazu missbraucht, sich falsche Weltbilder zu malen.

Während die Physik heute im Grunde genommen nur vorliegende Theorien und Erkenntnisse ordnet, hatte sie zu Franks Zeiten zu einer Revolution geführt: Das mechanistische Weltbild war vom elektromagnetischen abgelöst worden. Die damit einhergehende Wendung gegen die Grundauffassungen der klassischen Mechanik bekam sehr schnell auch stark weltanschauliche, vor allem antimaterialistische Züge: Kritik am Determinismus, an der Kausalität und an der Rationalität.

Anstatt wie bisher bewegte Atome und die zwischen ihnen wirksamen Kräfte als die letzten Realitäten anzusehen, glaubte man nun Materie auf Nichtmaterielles zurückführen, sie als Epiphänomen einer tieferen als der materiellen Wirklichkeit auffassen, sie entmaterialisieren und vergeistigen zu können - Argumente dazu wurden der Speziellen Relativitätstheorie und der Quantentheorie entnommen. Mit diesen wurde das vierdimensionale Raum-Zeit-Gefüge anstelle des dreidimensionalen Euklidischen Raums eingeführt, kamen der Wahrscheinlichkeit, dem Zufall, also dem Indeterminismus eine große Bedeutung zu.

Die Krise der Physik

Ins Metaphysische übertragen wurden diese Theorien bald als Erklärungsmodelle für den freien Willen und die Hinwendung zur Spiritualität verwendet. Damit stürzte die Physik in eine Krise, denn statt der von der damaligen Generation erwarteten Zeichnung eines alles umfassenden Weltbildes aus der Wissenschaft bildeten sich je nach Interpretation unterschiediche Weltanschauungen heraus. Es fand eine Abkehr vor allem der Philosophen von der Wissenschaft statt. Zu den wenigen Bewegungen, die sich gegen diese damalige Entwicklung stemmten, gehörte der Logische Empirismus mit dem Wiener Kreis.

In seiner Prager Zeit unterhielt Frank weit mehr als die anderen Professoren seiner Universität enge Beziehungen zu seinen tschechischen Kollegen, beeinflusste diese stark. Während des deutschen Einmarsches war Frank auf einer Vortragsreise in den USA - er entschloss sich zur Emigration. Seine Biografie Einsteins und ein Fellowship an der Harvard University gaben ihm ein erstes Auskommen.

Insbesondere nach dem Tod Neuraths 1945 trat Frank immer mehr als Organisator des Unity of Science Movements in Erscheinung, beeinflusste zahlreiche US-Wissenschaftsphilosophen. Anders als sein Freund Einstein, der am Determinismus festhielt, stand Frank für einen gemäßigten Indeterminismus: Mit seinem Beharren auf der Vokabel "Gesetzmäßigkeit" versuchte er den Spagat zwischen Gesetz und Willkür zu schaffen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2004)

Ein Symposium in Wien widmete sich dem Vertreter des Logischen Empirismus, der 1938 in die USA emigrierte.
  • Physiker Philipp Frank, Mitglied des Wiener Kreises, Freund Einsteins, 1938 in die USA emigriert.
    foto: don howard

    Physiker Philipp Frank, Mitglied des Wiener Kreises, Freund Einsteins, 1938 in die USA emigriert.

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