"Ich weiß nicht, wie es weitergeht"

12. Oktober 2004, 13:59
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Lokalaugenschein: Die Konzernleitung informiert die Mitarbeiter über die Sanier­ungs-Pläne und trägt so eher zu Verunsicherung bei

"Ich weiß gar nicht, wie es weitergeht mit mir." Andreas Meier ist seit zwei Jahren in der Karstadt-Filiale Turmstraße in Berlin als Verkäufer beschäftigt. Der Mittvierziger fürchtet, bald arbeitslos zu werden. Denn diese Filiale ist eine von vier in der deutschen Hauptstadt und eine von 77 bundesweit, die von der Schließung bedroht ist.

Der Chef der Filiale ist am Mittwoch mit einer 56-seitigen Vorlage, die ihm die Konzernzentrale aus Essen geschickt hat, in die Betriebsversammlung marschiert. Es waren auch fast alle 105 Beschäftigten dieser Filiale anwesend.

Sie bekamen zu hören, dass bis 2008 gar nichts passiere. Bis dahin werde ein Investor gesucht. Und danach? "Keine Antwort", erzählt eine Verkäuferin aus der Schuhabteilung im Erdgeschoss.

Keine Begründung

Mehrere Verkäuferinnen in der Papierabteilung beschwerten sich dann, dass sie gar keine Begründung bekommen hätten, warum sich der Konzern ausgerechnet von dieser Filiale trennen will. "Dabei hat man uns immer gesagt, wir schreiben eine schwarze Null. Immerhin."

Der von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi entsandte Vertreter Achim Neumann ergriff dann das Wort und warf dem Filialleiter stellvertretend für die Konzernzentrale in Essen grobe Managementfehler vor: "Man kann nicht ein Kaufhaus nur nebenbei betreiben und sich um Dinge wie Kaffeehäuser kümmern, die mit dem Kerngeschäft eigentlich nichts zu tun haben."

Er spielt damit auf die Beteiligung von Karstadt an der US-Kaffeehauskette Starbucks an, die der Konzern nun genauso abstoßen will wie die Modeketten Sinn Leffers und Wehmeyer sowie die Sportgeschäfte Runners Point und Golf House.

10.000 Arbeitsplätze akut gefährdet

Bundesweit sind laut Verdi bis zu 10.000 Arbeitsplätze akut gefährdet, weitere 20.000 von Auslagerungen oder Kürzungen betroffen. In Berlin sind rund tausend der 8000 Stellen bedroht.

Insgesamt beschäftigt der Konzern rund 100.000 Mitarbeiter. "Was die machen, ist eines Kaufmannes nicht würdig", meint der Gewerkschaftsfunktionär zu dem Sanierungsplan, der 1,4 Milliarden Euro ausmacht.

Weitere Investitionen, um die Filialen für Investoren attraktiv zu machen, sind offenbar nicht vorgesehen. "Als ich gefragt habe, ob noch irgendetwas hier gemacht wird, hieß es Nein. Da wusste ich: Das ist der Todesstoß, ganz klar", sagt eine Schmuckverkäuferin.

Löcher an den Wänden

Die Filiale in der Berliner Turmstraße mit mehr als 6000 Quadratmeter Verkaufsfläche hätte einige Sanierungsarbeiten nötig. Aber die wenigen Käufer, die sich am Mittwochnachmittag in dem Geschäft in einem der typischen Berliner Arbeiterbezirke aufhalten, scheint es nicht zu stören, dass da und dort Löcher an den Wänden und am Boden klaffen.

"Ich schau sowieso nur nach den Sonderangeboten. Mein Mann ist arbeitslos, ich bin Hausfrau, da muss man auf jede Münze schauen", meint eine Berlinerin, die sich gerade durch die Wühltische im Erdgeschoss arbeitet. In die Lebensmittelabteilung im Untergeschoss gehe sie schon gar nicht mehr, sagt sie im Flüsterton. "Viel zu teuer. Da kriegt man nebenan in der Markthalle vieles sehr viel günstiger."

Im Restaurant im obersten der fünf Stockwerke halten sich nur drei Karstadt-Mitarbeiter auf. Das Lokal im düsteren Dämmerlicht strahlt trotz der Renovierung vor vier Jahren noch den Charme der Fünfzigerjahre aus.

Kein großen Chancen auf neuren Job

Einfach auf seine Entlassung warten will Andreas Meier nicht. Er will sich nächste Woche Urlaub nehmen "und nach einem neuen Job suchen, ehe alle anderen auch kommen". Aber angesichts der Arbeitslosenquote von 15 Prozent rechnet sich der Verkäufer "keine großen Chancen aus". (DER STANDARD Printausgabe, 30.09.2004)

Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin

Nachlese

Radikalkur soll KarstadtQuelle wieder fit machen
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die 181 Warenhäuser des Karstadt-Quelle-Konzerns in Deutschland blieben am Mittwoch wegen Betriebsversammlungen vorübergehend geschlossen.

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