Was heißt denn hier "Dschungel"?

26. Dezember 2004, 22:23
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Das von der freien Szene erkämpfte Haus für Kinder- und Jugendtheater ging mit einem dreitägigen Fest ins Rennen

Das von der freien Szene jahrelang erkämpfte Haus für Kinder- und Jugendtheater, "Dschungel Wien" genannt, ging mit einem dreitägigen Fest ab 1.Oktober ins Rennen um das junge Publikum. Sein Leiter, Stephan Rabl, sieht trotz kleiner Einschränkungen eine neue Ära anbrechen.


Wien – In der Theaterstadt Wien kommt es tatsächlich vor, dass sich ausgerechnet in den Räumen eines ehemaligen Kinos ein neues Theater etabliert. Dort, wo vor Jahren das Residenz-Kino einen Saal betrieb, an der Mariahilfer-Straßen-Ecke des heutigen Museumsquartiers, wird ab Freitag, den 1. Oktober, das seit 15 Jahren von der freien Szene geforderte Theaterhaus "Dschungel Wien" mit einem dreitägigen Veranstaltungsmarathon eröffnet.

Damit wird neben einer Berufssparte auch einem künstlerischen Potenzial Rechnung getragen, das seit seinen Anfängen in den 80er-Jahren "ohne Dach" und gewissermaßen auf Verdacht produzieren musste. Dass dessen künstlerisches Ansinnen bis zu einem gewissen Grad auch dadurch in Mitleidenschaft gezogen wurde (und nicht zuletzt so der bis vor kurzem noch schlechte bzw. international kaum relevante Ruf des österreichischen Kinder- und Jugendtheaters entstand) haben Entscheidungsträger mittlerweile doch eingesehen.

Mit Stephan Rabl (39) hat man auf fünf Jahre einen großmütigen, aber entschlossenen Fachmann bestellt, der die Grundproblematik der freien Szene aus eigener Erfahrung kennt. Vor vierzehn Jahren hat er das Festival "szene bunte wähne" gegründet, das auf bestechend dezentrale Art die besten internationalen Kinder- und Jugendtheaterproduktionen dem jungen Publikum in Horn und Umgebung alljährlich im Herbst vor die Füße legt. Ein Renner.

Ein, zwei Ebenen tiefer

Der "Dschungel Wien" nun soll als Haus – ähnlich dem Tanzquartier (TQW) – sowohl internationalen Gastspielen wie Produktionen der heimischen Szene offen stehen. Und es wird wie beim TQW zu befürchten sein, dass die heimische freie Szene in all ihrer qualitativen Breite das Haus im Sturm nehmen möchte. Dazu Rabl: "Der Druck ist schon enorm. Und ich muss sicher – im Unterschied zu Sigrid Gareis (der TQW-Leiterin, Anm.) – ein, zwei Ebenen tiefer beginnen. Doch eine gewisse Loyalität der freien Szene gegenüber habe ich natürlich, weil ich selbst aus ihr komme. Man soll auch wissen, wo dieses Haus herkommt. Hier hat niemand eine geniale Idee gehabt, kein Beamter, sondern es ist erkämpft worden!"

In allen kulturpolitischen Verhandlungen war immer die Rede von 40 freien Gruppen, ein Numerus technicus, der jetzt in eine Veranstaltungsserie "40 Tage Wien" (7.10.–15.11.) mündet, in der sich die Wiener Szene vorstellt. Handverlesene Gruppen und ihre Kunst sollen hier erstmals in differenzierter Weise wahrgenommen werden können.

Bloß die baulichen bzw. bühnentechnischen Voraussetzungen hat sich Rabl für seine Arbeit ein wenig anders erträumt. Das Haus ist nicht vergleichbar mit dem Großdampfer Theater der Jugend. Das tut der Freude über den erkämpften Neustart aber keinen Abbruch, da einerseits der strukturelle Ansatz ein jeweils anderer ist, und zweitens ein Ort endlich "besetzt" ist.

Rabl gibt sich mittlerweile zufrieden: Die neben diversen Nebenräume im Wesentlichen aus zwei Sälen zu 120 bzw. 180 Plätzen bestehende Institution hat (aus finanziellen und Denkmalschutzgründen) keine Unterbühne. "Viel schlimmer aber ist", so Rabl, "das fehlende Lager sowie das Problem der Rundbögen, die zwar schön sind, uns aber funktional einschränken. Nach den ersten Phasen, in denen man denkt 'O Gott, o Gott, o Gott!', sah ich aber: Hier ist doch was möglich."

Blackboxtheater

Derzeit ist das Haus geeignet für klassische Mittelproduktionen, die die typischen Tourneemaße von zehn mal zehn Metern nicht überschreiten, Produktionen mit so genanntem Blackboxcharakter. Sollten größere Inszenierungen ins Haus stehen, könnte man, so Rabl, die Halle G anmieten (pro Abend 2000 Euro plus Technikkosten).

Dass es sich um einen kleinen Etikettenschwindel handelt, wenn man im Untertitel zwar das "Theaterhaus" führt, über das Sprechtheater hinaus im Dschungel Wien aber mit einem reichhaltigem Angebot aus Tanz, Literatur, bildender Kunst, Film usw. konfrontiert ist, weist Rabl zurück: "Die Gefahr einer Verwischung ist erst dann gegeben, wenn sich Inhalte unterordnen müssen. Und das tun sie hier nicht."

"In erster Linie geht es mir um die Kunst, und da habe ich mir fälschlicherweise schon den Ruf eingehandelt, gegen die Kinder zu sein. Die Kunst muss an den Anfang gestellt werden und an die zweite Stelle erst das Publikum. Alles andere würde eine x-beliebige Freizeiteinrichtung ergeben. Andererseits glaube ich, dass das Sprechtheater Impulse von außen braucht. Theater darf durchaus mehr sein als klassisches Schauspiel."

Verschiedene "außertheatralische" Stationen im und rund um den neuen Dschungel Wien, allem voran das Café und die Bar, sollen die Schwellenängste beim jungen Publikum verringern helfen.

Theater für Zwölfjährige aufwärts ist laut Rabl der schwierigste Bereich. "Weil diese Publikumsschicht zunächst auf andere, sagen wir schmissigere Ideen kommt als einen Nachmittag oder Abend im Theater zu verbringen. Man geht für gewöhnlich ins Kino oder in einen Musikclub." Dass ein Theaterstück aber gegebenenfalls besser sein kann als ein weiterer Hollywood-Streifen, davon wird man sich mehrmals täglich überzeugen können (siehe Veranstaltungshinweise links).

Vierzehn (Musik-)Theaterproduktionen aus Deutschland, Argentinien, Russland, Frankreich, der Schweiz und Österreich bestreiten den für drei Tage anberaumten tierischen "Take-off" des Dschungel Wien. Ein Riesengarten fliegt dann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9.2004)

Von
Margarete Affenzeller

Link

dschungelwien.at

Porträt

Einstmals Clown, jetzt Chef vom "Dschungel"
Stephan Rabl, Kopf des Tages

Lustig, bunt und viel
"Dschungel"-Eröffnung mit "take off"

Mit Schauspiel, Figuren- und Modetheater, DJ-Lines, Live-Acts, Objektkunst, Installationen, Spielfeldern, Visual Art, zeitgenössischem Tanz und ausreichend Gastronomie nimmt das neue Theaterhaus "Dschungel Wien" in einem dreitägigen Eröffnungsfest ab Freitag, 1.10., seinen Spielbetrieb auf. Außerdem lesen Bühnenpromis wie Sandra Cervic, Peter Simonischek, Michael Schottenberg, Andreas Vitásek u. a. "Geschichten aus 1001 Welt".

Ausgewählte Produktionen im Überblick:

White Star (ab 16, in Kooperation mit Tanzquartier), Fr/Sa 20.30, So 19.00

Rap Attack (ab 14), eine multimediale HipHop-Story, Fr, Sa, 20.30

Sounds of Africa (ab 6), Tanzperformance, Fr 16.30, Sa 14.30, So 12.00

Die Farben des Wassers (ab 2), Spielstück aus Licht und Klängen, Sa 14/16.00

Hanako (ab 7), ein Stück über die Geschichte des Papiers, Sa 14/15.30

Eine kleine Sonate (ab 6), eine Rotkäppchen-Version aus Dänemark, Sa 16.00, So 13/15.30

Mein Parzival (ab 10), Wien-Gastspiel aus dem Vorarlberger Landestheater, Sa/So 17.00

Die Kuh Rosmarie (ab 5), Besserwisserei unter Tieren, Sa 18.00, So 14.00

Interior Americano (ab 14), Tanzperformance, Argentinien, Sa 18.00, So 19.00

1 Stück Liebe (ab 11), Schauspiel des Theater Foxfire, Sa 19.30

Kick & Rush (ab 14), ein Fußballstück aus der Schweiz, Sa 21.30, So 17.30

Kaschtanka (ab 10), Hundegeschichte, auf Russisch m. dt. Übertiteln, So 15.30

Synkope (ab 2), Schauspiel (F), So 14/16.00

Liebesläufe (ab 6), Christoph Bochdanskys Figurentheater, So 13.00
(afze)

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