Ohne erkennbare Ordnung

4. Oktober 2004, 20:14
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Die Biennale von Sao Paulo präsentiert sich als unüberschaubares Nebeneinander qualitativ unterschiedlicher Arbeiten

Kurator Alfons Hug verweigert konsequent Orientierungshilfe.


Wien – Als Free Territory hat sich Chefkurator Alfons Hug seine diesjährige, die 26. Bienal de Sao Paulo vorgestellt. Das klingt, nach seiner letzten BiennaleIconograficas Metropolitanas – erneut schick und zeitgemäß offen für das jenseits der Westkunst, heißt aber rein gar nichts.

Dennoch war in Anbetracht von Hugs Biografie und dem Ort klar, dass er versuchen würde, einen möglichst großen Horizont zu markieren. Hug leitet nach Stationen in den Goethe-Instituten von Lagos, Brasilia, Caracas und Moskau nun jenes in Rio.

Er war mehrere Jahre lang für den Bereich bildende Kunst im Berliner Haus der Kulturen zuständig. Eine von ihm kuratierte Ausstellung widmete sich der Arte Amazonas. Der Mann ist ein Veteran im Kampf gegen den Eurozentrismus bzw. die marktbeherrschende Dominanz der US-Amerikaner in der Kunst.

Die Bienal de Sao Paulo gilt nach der von Venedig als zweitwichtigste. Und wie in Venedig prägt der Chefkurator mit seiner Auswahl ein Bild von Kunst, und die Länderkuratoren hängen mit den jeweiligen nationalen Beiträgen ihre Bilder dazu. Und wie in Venedig auch findet die Biennale von Sao Paulo in einem Park statt. Wie alles andere auch in Sao Paulo, der mit 38 Millionen Einwohnern (Großraum) drittgrößten Stadt der Erde, hat der Ibirapuera-Park um einiges mehr an Fläche denn die Giardini.

Und: Es gibt keine Länderpavillons. Die Biennale findet in einer dreigeschoßigen Halle statt, die Oscar Niemeyer in den 50er-Jahren entworfen hat. Das kommt Alfons Hugs Versuch einer globalen dehierarchisierten Kunstsicht entgegen. Uns so hat er auch gleich jede Trennung von nationalen Beiträgen und solchen, die er als Kurator eingeladen hat, aufgehoben.

Und sich dabei gewaltig übernommen: Viel mehr als "Die großen, schweren Skulpturen und die Platz greifenden Installationen in den Keller!" und "Die Videos in einen abgedunkelten Flügel!" ist ihm an Ordnung offensichtlich nicht eingefallen. Dass Flachware und kleinere Interventionen letztlich in der Mitte landen, ergab sich dann von selbst.

Ergebnis: Der exakte Gegenentwurf zu inszenierten Schauen, wie sie etwa Harald Szeemann in den 70er-Jahren stilprägend eingeführt hat. Es mag ja Absicht gewesen sein, die Hunderte Kunstwerke in der wuchernden Absichtslosigkeit einer berstenden Megacity zu präsentieren, den einzelnen Arbeiten aber schadet, was Alfons Hugs Weltbild illustrieren soll.

Einander irritierend und größtenteils schlecht ausgeleuchtet, ergeben sie eine zähe Masse, die wohl eher als Stimmung zu beschreiben ist, denn als stimmiges Nebeneinander individueller Positionen. Einzelnes sticht dabei kaum heraus. Am ehesten noch hilft – ganz kontraproduktiv – der "Ahaeffekt", der ohnehin längst Bekanntes aus der Masse befreit. Und so nimmt man eben Thomas Demands Bildtafeln wahr oder die Fotoarbeiten Lois Renners.

Sammelsurium

Oder man stolpert zwangsläufig über riesig aufgeblasene Gebilde wie Jennifer Tees Stoffpagode mit dem Flair eines Souvenirladens für Ethno-Tand oder den monströsen Kitsch des Griechen Harris Kondosphyris bzw. die spekulativen Metallpapierprints angeblicher Helden des Ungarn Péter Szarka.

In der Abteilung für Kunst von Video, CD oder Leuchtkörpern hieße es für Stunden abzutauchen ins schummrige Dunkel eines rekordverdächtig saalreichen Kinocenters. Bei der für heuer, auch ob des erstmals freien Eintritts, erwarteten Million an Zuschauern ist die Chance, alle Beiträge zu rezipieren, minimal.

Ebenfalls in Alfons Hugs all zu buntem und dichtem Sammelsurium unterzugehen droht eine feine Zusammenstellung von afrikanischen Fotografien, die Simon Njami, der Kurator der Fotobiennale von Bamako, besorgt hat. Die Arbeiten reichen von klassischen Aufnahmen Mama Cassets (Senegal) aus den 50er-Jahren bis zu ironischen Selbstporträts des Kameruners Samuel Fosso. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9.2004)

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