Gute Riecher für goldene Nasen

9. Juni 2006, 14:29
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Auch der Mittelstand kann im EU-"Osten" reüssieren. Voraussetzungen: ein gutes Konzept, gutes Personal, gute Berater.

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet." Wenn dieser Satz auch immer weniger in privaten Verbindungen zählt - für Unternehmer, die gerne in den neuen EU-Ländern investieren wollen, sollte er umso mehr gelten. Das ist es zumindest, was allen Experten zuerst einfällt, wenn von Direktinvestitionen im "Osten" die Rede ist.

"Man sollte sich seine Partner ganz genau anschauen", sagt etwa Rudolf Thaler, österreichischer Handelsdelegierter in Warschau. Wer nicht genügend Zeit, Recherche und Geduld in das Auffinden des richtigen unternehmerischen Partners vor Ort investiere, könnte dies möglicherweise bald bereuen.

Die Gewinnspannen passen

Doch wer die "Do's and Don'ts" beachtet, findet in den neuen EU-Ländern gute Marktchancen vor. Mit einem schlüssigen Unternehmenskonzept, klaren Vorstellungen, verlässlichem Personal und - vor allem - exzellenten Anwälten und Steuerberatern rentiert sich "Go East" auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Ganz generell gilt: Solange die Lohnniveaus in den Nachbarländern oft weniger als halb so hoch wie in Österreich sind, können Unternehmer die Unterschiede nützen. Obwohl viele monieren, auch im Ausland könne man sich keine "goldenen Nasen" verdienen - die Gewinnspannen scheinen zu passen.

Österreicher sind unternehmenslustig

Denn österreichische Unternehmer sind jedenfalls unternehmenslustig, wie die aktuellsten Zahlen der Wirtschaftskammer, Abteilung Außenwirtschaft, zeigen: Ende 2002 machten die österreichischen Investitionen in den neuen EU-Ländern 9,64 Milliarden Euro aus - und die Tendenz ist stetig steigend.

In Ungarn machen allein die österreichischen Direktinvestitionen mehr als zwölf Prozent aller ausländischen Investitionen aus, wobei vor allem die Baustoffindustrie, der Einzelhandel und Banken und Versicherungen den Löwenanteil ausmachen. Dennoch vermerkte der österreichische Handelsdelegierte in Budapest, Peter Rejtö, in seinem Wirtschaftsbericht vom Juli: "Besonders erfreulich ist, dass in der letzten Zeit eine große Anzahl von KMU begonnen hat, den ungarischen Markt zu bearbeiten." Wobei 40 Prozent der Investitionen auf die grenznahen ungarischen Komitate konzentriert sind.

Drittwichtigster Handelspartner

Ähnlich ist es auch in Tschechien, wo Österreich mittlerweile der drittwichtigste Handelspartner ist. Dort hat die Wirtschaftskammer vor kurzem erst eine zweite Außenhandelsstelle (nach Prag) in Brünn eröffnet. Der Grund, laut dem Außenhandelsdelegierten Michael Angerer: "Die Zahl der KMU, die sich in Südböhmen und Südmähren niederlassen wollen, steigt ständig." Neben Handels- und Produktionsniederlassungen konzentrieren sich in diesem Gebiet vor allem österreichische Finanz- und Beratungsdienstleister.

Slowakei: Markt der Zulieferer

In der Slowakei boomen vor allem die Zulieferunternehmen für die Automobilindustrie, die Nahrungsmittel- und Getränkeerzeugung sowie Holzbau und Möbelindustrie. In Slowenien liegt Österreich unangefochten auf dem ersten Platz, was die Direktinvestitionen betrifft: Mit 1,2 Milliarden US-Dollar Investitionsvolumen haben die Österreicher, laut den Vorjahrsstatistiken, ein Drittel aller direkten Auslandsinvestments bestritten.

"Nicht länger warten"

Und Polen? "Ich kann nur allen Unternehmen, die sich für Polen interessieren, raten, nicht länger zu warten", sagt Außenhandelsdelegierter Thaler. Er bemerke wachsendes Interesse am polnischen Markt - nicht zuletzt deshalb, weil 40 Millionen Polen mit langsam, aber stetig steigendem Einkommen viel Absatz versprechen.

Zu beachten sei in jedem Fall, "dass von vornherein möglichst viele Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden", sagt der Regionalmanager für die neuen EU-Länder in der Wirtschaftskammer, Walter Resl:

  • Sprachprobleme: Es sei ratsam, entweder Vertrauensleute aus der Zentrale in die neue Niederlassung zu entsenden oder sprachkundige "Locals" anzuheuern.
  • Vorsicht auch bei Verträgen: Diese sollten in jedem Fall mit dem eigenen Anwalt abgestimmt werden - egal, ob es sich um Gesellschafts- oder Arbeitsverträge handelt.
  • Achtung auch beim Kauf oder bei der Miete von Liegenschaften: In einigen Mitgliedstaaten (etwa in der Slowakei) ist es oft schwierig, den tatsächlichen Eigentümer einer Liegenschaft ausfindig zu machen. Recherche lohnt sich. Auch zu einem Preis- und Infrastrukturvergleich zwischen den Regionen wird geraten. Rejtö: "Wir empfehlen, sofort den Kontakt zu den lokalen Bürgermeistern zu suchen. Die sind mächtiger als in Österreich und haben großen Spielraum bei Kommunalabgaben."
  • Erkundigungen über Förderungen einholen: Die einzelnen Länder haben eigene Investitionsförderprogramme - etwa bei Investitionen in Produktionsanlagen - oder bestimmte strategische Dienstleistungen. Zudem hilft das Austria Wirtschaftsservice (AWS). Im Rahmen der Internationalisierungsoffensive werden ab 2005 zudem auch bis zu 50 Prozent der Beratungskosten (Anwalt, Steuerberater) für KMU ersetzt.
  • Empfehlenswert ist auch die Beobachtung des Marktes. (Petra Stuiber, DER STANDARD Printausgabe, 29.09.2004)
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