Metallbaukasten für große Kinder

29. September 2004, 18:38
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Leo Schatzl baute als Beitrag Österreichs zur 26. Biennale von Sao Paulo ein tolles Fahrgeschäft

... Und erfüllte damit nicht nur sich selbst einen global nachvollziehbaren Kindheitstraum. Eine perfekte Wahl von Kommissär Martin Sturm.


Sao Paulo - Es ist ganz einfach: Nach anfänglichem Zögern steigt man dann endlich doch ein, erlebt exakt das, was man vermutet hat, ist also beim Aussteigen schwindlig, taumelt im Glück, es dennoch getan zu haben, und möchte gleich noch einmal. Genauso, wie alle anderen auch. Und genau deswegen gibt es Fahrgeschäfte von der Erfindung des Kettenkarussells an bis heute.

Und auch wenn da noch so lange heruminnoviert wird, das Prinzip bleibt doch das gleiche: Alles dreht sich, und ist eine Hetz, die nicht viel kostet und also weit verbreitet. Und, aber das nur nebenbei, Fahrgeschäfte sind die letzten Spuren der Initiationsriten ins Erwachsenensein, die uns noch geblieben sind. Man erinnere sich bloß an das erste Bier, ausgegeben von just jenem Firmpaten, der einem dann vermittels gemeiner Einladung zum Hochschaubahnfahren endgültig zum Speiben gebracht hat.

Und der damit jene Kombination aus Geschwindigkeits-und Alkoholrausch unlöschbar in unsere noch jungen und also merkfähigen Gehirne gebrannt hat, der später jene Freunde und Mitschüler anheim fielen, die regional als Discoopfer kurzfristig zu Ruhm im Sinne Andy Warhols gelangten. Das beste Fahrgeschäft der Saison steht heuer nicht in München. Das gegenständliche Oktoberfest findet in Sao Paulo statt, wird wie das Vorbild auch im September eröffnet, und zieht massenweise Leute an. Nur: Das Bier heißt nicht Hacker-Pschorr, sondern Antarktika, was aber eher egal ist, weil man ohnehin Champagner an Austern bei diversen Botschaftsempfängen trinkt, oder sich kulturell aufgeschlossen der nationalen Vorliebe für Caipirinha hingibt.

Brasilianischer Humor

Man sieht also gleich den viel höheren Glamourfaktor des Oktoberfestes in Sao Paulo, das Bienal heißt und heuer auch schon wieder zum 26. Mal stattfindet. Samt dem Fahrgeschäft als Österreichischen Beitrag. Der war schon vor der Eröffnung so berühmt, dass er es als Seite-Eins-Geschichte auf Brasiliens größte Tageszeitung, O Estado de Sao Paulo, brachte.

Und es mag als Beispiel brasilianischen Humors gelten, dass außer unserem Fahrgeschäft auch noch ein brachialer Autounfall und die Verheerungen der aktuellen Hurrican-Saison im Bild auf die Eins fanden.

Und dabei ist unser Fahrgeschäft - der aus Linz gebürtige Künstler Leo Schatzl hat es auf Einladung unseres Biennale-Kommissärs, Martin Sturm, gemeinsam mit David Moises und Severin Hofmann konstruiert - gar nicht gefährlich. Es ist Lowtech, und es rührt das Kind in uns. Man versteht sofort, wie es funktioniert, und wundert sich, warum man nicht selbst der Idee erlag, es zu basteln, waren doch die nötigen Zutaten - ein Metallbaukasten, ein Matchbox-Auto, und ein paar Gummiringeln - in unser aller Schatztruhen und das Prinzip des Gummimotors allgemein bekannt. Damit allerdings hätten wir bloß in der Fantasie wild rotieren können.

Was dem Leo Schatzl viel zu wenig war. Und so hat er jetzt endlich (Er erblickte erstmals 1958 das Licht der Stahlstadt) in groß gemacht, was klein in vielen Modellversuchen funktionierte: Die Autorotation.

Und die geht so: Die Baukastenlochblechteile einfach um das 25-Fache vergrößern lassen und daraus ein Gerüst bauen. Dann einen echten VW-Käfer nehmen, und den daran mit vielen Gummiseilen zentral aufhängen. Zum Einsteigen eine kleine Gangway bauen. Dann einsteigen. Dann Freunde den Käfer so lange drehen lassen, bis es nimmer weiter geht. Und dann - wenn die auslassen und schnell weglaufen: rasant rotieren und gleichzeitig unberechenbar pendeln. Das ist geil mit Erkenntnisgewinn.

Schier endlos waren die Schlangen zur Eröffnung des Fahrgeschäftes in Sao Paulo, alle wollten mit dem Fusca - so heißt ein VW-Käfer dort - fahren, sich fliegend der Sentimentalität hingeben, aus der Distanz zur eigenen Vorpubertät heraus, noch einmal ein Experiment wagen, das einem erst viel später als "pseudowissenschaftlich" von staatlich geprüften, so genannten Pädagogen ausgetrieben werden sollte.

Und ohne jetzt gleich rührselig zu werden oder ins uncoole Schwärmen zu kommen, in der Tat ist so ein Ringelspiel immer noch schön. Auch wenn es Kunst ist, weil im wirklichen Leben niemand so viel Material und Energie in eine Konstruktion verschwenden würde, die keinerlei Gewinn abzuwerfen verspricht.

Das Schönste an Autorotation sind aber immer noch die Gedanken daran, was man mit so einem Baukasten noch alles vom Kinderzimmer hinaus auf die Wiesn bringen könnte. Aber Vorsicht! Anlässlich der Eröffnung hat ein gemeiner Fahrgast das Autoradio aus dem fahrenden Käfer gestohlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2004)

Von
Markus Mittringer

Biennale Sao Paulo
Bis 19. 12.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Leo Schatzls Beitrag zur 26. Bienal de Sao Paulo: "Autorotation", ein Fahrgeschäft, das bloß Erkenntnisgewinn abliefert.

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