Kommentar: Rauchende Köpfe

2. Juni 2006, 16:59
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Volksvertreter versuchen, aus dem Thema politisches Kleingeld zu schlagen - von Michael Simoner

Ein Teufelskraut, das unsere Kinder ohne Umwege in die Drogenhölle befördert oder ein benebelndes Pflänzchen, das seine Konsumenten auf der Love-and-Peace-Wolke schweben lässt. Wenn es in Österreich um Cannabis geht, rauchen die Köpfe, die gegensätzlichen Positionen sind seit Jahrzehnten fest zementiert.

Die Diskussion wurde viel zu lange Personen überlassen, die sich aus ihren Einschätzungen, egal ob pro oder kontra Cannabiskonsum, einen persönlichen Vorteil versprachen. Vor allem gewählte Volksvertreter versuchen in regelmäßigen Abständen, aus dem Thema politisches Kleingeld zu schlagen.

Unter dieser Voraussetzung muss es immer noch als mutig angesehen werden, wenn heimische Fachleute, wie der Vorarlberger Suchtexperte Reinhard Haller, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Erforschung der geächteten Hanfpflanze einfordern. Denn Cannabis hat, und das bescheinigen immer mehr Forschungen, auch eine Reihe von "Nebenwirkungen", die der Medizin zugute kommen. In der Schmerztherapie etwa, oder bei der Linderung von Depressionen.

Auf der anderen Seite gibt es erst jetzt erste Untersuchungsergebnisse über den regelmäßigen Langzeitkonsum von Haschisch und Marihuana. Und die sind alles andere als eine Unbedenklichkeitsbescheinigung: Wer sich von Jugend an täglich einen Joint reinzieht, ist später anfälliger für Psychosen. Auch die psychische Abhängigkeit ist nicht zu unterschätzen.

Gerade im Hinblick darauf, dass Cannabis nach Alkohol und Nikotin schon das beliebteste Suchtmittel unter Jugendlichen ist, muss der Forschung rasch mehr Kapazität eingeräumt werden. Die langjährige Praxis, Konsumenten eine Vorstrafe anzuhängen, ist finsteres Mittelalter. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2004)

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