Blair räumt Fehleinschätzung im Irak ein

29. September 2004, 13:13
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Im Scheinwerferlicht zieht Tony Blair alle Register, doch jenseits der Show stellen die Strategen der Labour-Partei kritische Fragen

Gegen zwei Uhr am Nachmittag läuft Tony Blair von seinem Hotel zum Konferenzzentrum, Hand in Hand mit seiner Frau Cherie. Er sieht so entspannt aus, als ginge er Muscheln suchen am Strand. Hunderte Fuchsjäger schreien ihm ihre Wut ins Gesicht, ein lärmender Pulk, der die Uferpromenade des Seebads Brighton in Beschlag nimmt. Blair lächelt selbstsicher, die Weidmänner sind für ihn Luft.

Drinnen in der Halle hämmert Popmusik, alle Scheinwerfer auf Blair, es beginnt eine glitzernde Show. Der Premierminister zieht alle Register. Er lockt, schmeichelt, wirbt um Verständnis, kehrt dann wieder schroff den Oberlehrer heraus. Er ist noch immer der beste Kommunikator des Landes, und heute läuft er zur Hochform auf.

Das muss er auch, Blair kann sich keinen Ausrutscher leisten, er hält eine der schwierigsten Reden seiner Karriere. Es ist sein letzter Parteitag vor der Parlamentswahl im nächsten Frühjahr, in den Labour-Reihen wird heftig gestritten, ob der Chef "asset" oder "liability" ist, noch ein Aktivposten oder schon eine Last. Mit all seiner rhetorischen Kunst will es der Bedrängte seinen Kritikern zeigen, will klarstellen, dass er der Richtige ist, um die Labour Party nach 1997 und 2001 zum dritten Sieg zu führen.

Am Puls der Partei

Ein Fringe-Meeting lässt sich nicht so gut inszenieren, da sitzen keine handverlesenen Gäste im Saal. Bei den Hintergrundtreffen, die in den Katakomben des betongrauen Kongresszentrums über die Bühne gehen, lässt sich der Puls der verunsicherten Partei genauer messen als bei der Medienshow mit ihrer ausgeklügelten Choreografie. Dort kann einer wie Graham Brook, alte Parteibasis, hemdsärmelig, kein Schlips, aufstehen und rufen: "Wo ist der Mann im weißen Kittel, der Tony Blair endlich holt?"

Brook lebt in Cheshire, wo der Konservative Neil Hamilton vor Jahren auf spektakuläre Weise seinen Wahlkreis verlor. Hamilton kassierte Schmiergeld vom Kaufhaustycoon Mohammed al-Fayed, er vertuschte es, doch die Sache flog auf, "seine Unehrlichkeit hat ihn den Posten gekostet", erzählt Brook. "Wie viel unehrlicher aber war Blair, als er den Leuten vor dem Irak-Feldzug eine akute Waffengefahr vorgaukelte. Wann kommt der Arzt und holt ihn ab?"

Ach was, er werde bestimmt nicht dieser Weißkittel sein, antwortet Robin Cook, er empfinde weiterhin Hochachtung für Tony Blair. Der bärtige Schotte war Außenminister während des Kosovokriegs, vor dem Afghanistankrieg wurde er abgelöst, vor dem Irakkrieg legte er sein Amt als Labours Fraktionschef nieder. Am Morgen stand er am Eingang des hermetisch abgeriegelten "Brighton Centre", um sich durchleuchten zu lassen. Ein Scanner tastete seine Delegiertenkarte ab, der Computer verglich das Passbild mit dem leibhaftigen Cook, eine Warnung flackerte auf: Verweigern Sie dieser Person den Zutritt! Es dauerte, bis der Irrtum aufgeklärt war. Cook erzählt es grinsend, als Metapher: Er, das moralische Gewissen, sollte draußen bleiben.

Nur der Irak

Jetzt hockt er auf rotem Hotelgestühl des "Hilton Metropole", und brummt, nein, zu Irak werde er heute schweigen, es sei ja schon alles gesagt, es gehe hier einzig und allein um die Wahlstrategie – zehn Minuten später reden doch alle nur über den Irak.

Zwei Stühle neben Cook sitzt Alan Milburn. Er würde viel lieber den neuen Slogan erklären, der überall prangt, auf Labour-Postern, Labour- Teetassen, Labour-Bierdeckeln: "A better life for hard- working families!". Milburn soll den Wahlkampf leiten, früher war er Gesundheitsminister, jetzt gilt er als aufstrebender Star. Ernst schaut er auf Diagramme, die auf der Leinwand leuchten. Einer Umfrage zufolge glauben nur noch 30 Prozent der Briten, Blair sei ein guter Premier. 30 Prozent halten Michael Howard, den Tory-Herausforderer, für den besseren Mann.

Milburn muss sich etwas einfallen lassen. Er weiß, dass Labour auch über andere Themen stolpern kann. Über die Rentenkrise, die heraufzieht, weil die Fonds der Rentner zu riskant in Aktien investierten. Über die Immobilienpreisblase, verspätete Eisenbahnen und den Frust vernachlässigter Stammwähler. Milburn weiß aber auch, dass sich alles im Brennglas Irak bündelt, weil es dabei um die Kernfrage geht: Ist Blair noch zu trauen? "Wir müssen unseren Job im Irak zu Ende bringen", sagt er.

"Well, well", zurückdrehen lasse sich die Uhr ja nicht mehr, räumt Robin Cook ein. Bloß es gehe jetzt auch um Iran. "Wenn Bush signalisiert, dass er erneut losschlagen will, dann muss Tony diesmal sagen, nein, mit uns nicht." (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2004)

Von Frank Herrmann aus Brighton

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    foto: epa/chris ison

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