Radikalkur soll KarstadtQuelle wieder fit machen

12. Oktober 2004, 13:59
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Handelsriese kündigt Abgabe oder Schließung von 92 Häusern an - Tiefste Einschnitte in der Firmengeschichte - Versandhaus-Katalog wird eingestelt

Essen - Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern KarstadtQuelle will mit einer Radikalkur aus den roten Zahlen: 92 der 181 Warenhäuser sollen geschlossen oder abgegeben werden.

Die Fachmarktketten SinnLeffers, Wehmeyer und Runners Point will das Unternehmen verkaufen. Im Versandhandel stehen drastische Veränderungen bevor. Konzernchef Christoph Achenbach sprach von "den tiefsten Einschnitten, denen sich Karstadt jemals unterziehen musste".

ver.di: 20.000 Mitarbeiter betroffen

Die Gewerkschaft ver.di fürchtet, dass 20.000 Mitarbeiter von Personalabbau, Ausgliederung, Tarifflucht oder Verkauf betroffen sind.

Der Name Karstadt soll Achenbach zufolge künftig nur noch über den 89 größten Warenhäusern des Konzerns und über 32 Sporthäusern prangen. Insgesamt 77 Filialen mit weniger als 8.000 Quadratmetern Verkaufsfläche sollen in einer eigenen Einheit zusammengefasst und in den nächsten drei Jahren verkauft werden. Weitere 15 Problemfilialen würden entweder geschlossen oder verkauft.

Medienberichte, dass der Konzernumbau zum Abbau von 8.500 Arbeitsplätzen führen werde, wollte Achenbach nicht bestätigen. Doch ließ er keinen Zweifel daran, dass es zu Entlassungen kommen werde. Er werde versuchen, die Zahl gering zu halten, und rechne damit, dass letztlich auch die Gewerkschaften dem Sanierungskonzept zustimmen würden.

"Kein anderer Weg"

"Denn es gibt keinen anderen Weg", meinte der Manager. Der vorgeschlagene Solidarpakt sieht unter anderem einen Gehaltsverzicht des Managements, teilweisen Urlaubsverzicht und Reduktion von Sozialleistungen, sowie einen Dividendenverzicht und eine Kapitalerhöhung in Höhe von 500 Mio. Euro von Seiten der Anleger vor.

Im Versandhandel will sich der Konzern künftig auf das Auslandsgeschäft, die lukrativen Spezialversender und den Ausbau des E-Commerce konzentrieren. Bei den angeschlagenen deutschen Universalversendern Quelle und Neckermann drohen dagegen Personalanpassungen.

Der Essener Handelsriese war in den vergangenen Jahren durch die anhaltende Konsumflaute, aber auch durch Managementfehler in die wohl schwerste Krise seiner Unternehmensgeschichte geschlittert. Allein in den ersten neun Monaten 2004 brach der Umsatz um 6,7 Prozent ein, gleichzeitig rutschte der Konzern tief in die roten Zahlen.

Umstrukturierung lassen Verluste explodieren

Die geplante Umstrukturierung wird in diesem Jahr nun den Verlust explodieren lassen. Insgesamt werde das Unternehmen durch die Sanierungsmaßnahmen einen Betriebsverlust (EBTA) von rund 1,3 Mrd. Euro machen, berichtete Achenbach.

Dem stehen in den nächsten zwei Jahren Einnahmen aus Unternehmensverkäufen in Höhe von 1,1 Mrd. Euro gegenüber. Der Umsatz soll 2004 um 4,5 bis 5 Prozent sinken und in den nächsten Jahren durch die Filialabgaben weiter sinken. Bereits im kommenden Jahr will der Konzern beim Betriebsergebnis (EBTA) aber wieder in die schwarzen Zahlen zurückkehren.

Aus für Quelle-Katalog

Mit der Umstrukturierung steht auch der traditionsreiche Quelle-Katalog vor dem Aus. In diesem präsentierte das Versandhaus zuletzt auf 1.500 Seiten mehr als 80.000 Artikel.

Als eine Art Enzyklopädie der modernen Warenwelt und Bestseller zugleich war der Katalog in jedem dritten Haushalt anzufinden. Im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen des KarstadtQuelle-Konzerns sollen die Werbemittel künftig stärker auf "Profilierungssortimente" ausgerichtet werden, wie es heißt.

Der Mutterkonzern beendet damit eine Tradition, die eng mit dem 77 Jahre alten Fürther Versandhaus verknüpft ist. Zwar gibt es den zwei Mal jährlich erscheinenden Hauptkatalog in seiner heutigen Form erst seit 1954. Davor hatte Quelle-Gründer Gustav Schickedanz zunächst mit einfachen Preislisten für Textilien und Haushaltsartikel geworben. 1932 diente sich Quelle mit den "Neuesten Quelle Nachrichten" seinen Kunden als "Führer durch die Sorgen des täglichen Lebens" an.

Foto-Modelle

Mit dem vor 50 Jahren erstmals erschienen Hauptkatalog setzte Schickedanz ein Zeichen für Preisstabilität: Bot er seinen Kunden damit doch für ein halbes Jahr gleich bleibende Preise an. Um die "Wuchtbrumme" oder das "Big Book", wie man den Katalog Quelle-intern gerne nennt, attraktiver zu machen, hatte Quelle in den vergangenen Jahren selbst das Engagement teurer Foto-Modelle nicht gescheut. So posiert auf dem aktuellen Katalog-Titelbild das Top-Modell Claudia Schiffer. (APA)

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