Experten fordern Entkriminalisierung

2. Juni 2006, 16:59
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Der österreichische Suchtforscher Reinhard Haller meint, Besitz sollte nur wie Falschparken abgestraft werden

Wien - Die Österreichische Gesellschaft für Psychatrie und Psychotherapie (ÖGPP) forderte am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz die Entkriminalisierung von Cannabis in Österreich. Der Vorarlberger Suchtforscher Univ.-Prof. Reinhard Haller will, dass für die künftige Bestrafung von Cannabis-Besitz nicht mehr das Straf-, sondern das Verwaltungsrecht zuständig ist: "Dann wären Verwaltungsstrafen wie für Falschparken möglich." Er wolle damit das Rauchen von Haschisch oder Marihuana damit nicht verharmlosen, aber es sei auch nicht so gefährlich, "dass junge Menschen dafür für ihr Leben vorbestraft sein müssen".

Gegen Kriminalisierung

Haller und der Präsident der ÖGPP, Univ. Prof- Dr. Wolfgang Fleischhacker, stellten am Dienstag in Wien ein Expertenpapier zum Thema "Cannabis: Genuss-, Suchtmittel oder Medikament?" vor, dessen Anlass vor allem der in der heutigen Gesellschaft weit verbreitete Cannabisgebrauch gewesen sei. "Wir wollen damit eine längst überfällige, wissenschaftliche Diskussion anregen, die offen und frei von ideologischen, emotionalen und politischen Barrieren geführt werden kann", sagte Fleischhacker. Zwischen 30 und 50 Prozent der jungen Österreicher bis 25 habe zumindest einmal Erfahrung mit Haschisch oder Mariuhana gemacht. Man könne aber nicht knapp 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung kriminalisieren.

Deswegen, so Haller, verstehe er "das ganze Theater" nicht, das um Cannabis gemacht werde. Härtere Drogen wie Morphium oder Kokain - etwa in Form einer Tinktur bei Augenoperationen - hätten ohne große Aufregung Eingang in die Medizin gefunden. Man wolle jetzt mit dem vorliegenden Papier zwischen den beiden Lagern in Sachen Cannabis - das eine betone immer, dass es ungefährlicher sei als etwa Alkohol, das andere bezeichne es als "Einstiegsdroge" - zu einem wissenschaftlichen Diskurs und zu vermehrter Forschung anregen.

Blackbox

So sei etwa das Thema "Cannabis im Straßenverkehr", sagte Haller, "eine Blackbox": "Es gibt dazu keine Daten - ganz im Gegensatz zur Wirkung des Alkohols am Steuer." Auch in Sachen Krebs gebe es unterschiedlichste Meinungen, ob Cannabis helfen könne, Krebs sogar zu heilen - oder ob es doch eher als Erreger fungiere. "Manche glauben sogar, dass Haschischkonsum das Leben verlängert." Eines sei aber belegt, so der Suchtforscher: Dass Cannabis zu einer Entspannung und zu einer "Zeit-Verlangsamung" beitragen, die viele in hektischen Zeiten wie diesen wünschenswert empfinden würden. Auch Depressionen könnten damit bekämpft werden. "Dass Canabis als Zusatzbehandlung zu normaler medikamentöser Behandlung wirkt, ist ebenfalls bewiesen", so Fleischhacker. Allerdings darf Cannabis als Substanz nach dem österreichischen Suchtgiftmittelgesetz nicht verschrieben werden. (APA)

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