Erste Begeisterung der Unis für Bakkalaureat-Studien ist abgeflaut

17. Februar 2005, 20:05
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Heuer nur wenige neue Kurzstudien im Angebot - Kritik an zu starker Ausdifferenzierung schon im Bakkalaureat-Bereich

Wien - Die erste Begeisterung der österreichischen Universitäten für das dreigliedrige Studiensystem mit Bakkalaureat, Magisterium und Doktorat ist abgeflaut. Am Beginn des vergangenen Studienjahrs 2003/04 starteten noch fast 80 neue Bakkalaureat-Studien, womit sich die Zahl dieser meist sechssemestrigen Kurzstudien gegenüber dem Jahr davor auf mehr als 150 verdoppelt hatte. Im bevorstehenden Studienjahr 2004/05 beginnen nur 14 neue Bakkalaureat-Studien, wie aus einer Aufstellung des Bildungsministeriums hervorgeht.

Insgesamt gibt es damit etwas mehr als 170 verschiedene Studienmöglichkeiten, ein Bakkalaureat zu erreichen. Diesen stehen laut Bildungsministerium noch 250 "alte" Diplomstudien gegenüber.

Österreich, das bei der gesetzlichen Einführung dieser neuen europäischen Studienarchitektur eine Vorreiterrolle eingenommen hat, fällt damit bei der Umsetzung in der internationalen Entwicklung zurück. Der Chef der Rektorenkonferenz und Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, etwa verweist auf die Schweiz, welche das neue Studiensystem flächendeckend einführe. "Ich bin überrascht, in welch europäischem Geist die Schweiz, die ja nicht EU-Mitglied ist, ihr Studiensystem umstellt", sagte er gegenüber der APA. Aber auch osteuropäische Länder wie Ungarn, Slowenien oder die Slowakei haben das neue System bereits flächendeckend etabliert.

In Österreich ist dagegen eine andere Tendenz zu bemerken: Die Unis wandeln ihre Diplomstudien nicht in ein Bakkalaureat- und anschließende Magister-Studien um, sondern splitten sie vielfach in mehrere Bakkalaureate auf. So kann man an der Uni Wien nicht mehr wie bisher einfach Informatik studieren, sondern muss sich zwischen fünf verschiedenen Informatik-Bakkalaureaten entscheiden. Auch die Uni Graz hat aus dem Diplomstudium Biologie gleich vier Bakkalaureat-Studien gemacht. Selbst Winckler gesteht, dass solche Differenzierungen im Bakkalaureat-Bereich "nicht im Sinne der europäischen Studienarchitektur ist". Würde man diese konsequent anwenden, müsste es im Verhältnis zur Zahl der bisherigen Diplomstudien weniger Bakkalaureat-Studien sowie eine stärkere Ausdifferenzierung erst bei den Magisterstudien geben, meint Winckler.

Bildungsexperten sehen ein weiteres Problem dieser Tendenz zu einer Überspezialisierung des Studienangebots im Bakkalaureat-Bereich. Schließlich geht es auch um die Berufschancen der Absolventen. Denn im Gegensatz zu Fachhochschulen, wo vor Einrichtung eines neuen Studiengangs eine Bedarfsprüfung vorgesehen ist, sind die Unis dazu nicht verpflichtet.

Der Grund für diese starke Ausdifferenzierung wird u.a. darin gesehen, dass "offensichtlich einzelne Fächer ihre bisherigen Ansprüche eins zu eins im neuen Studiensystem umsetzen wollen", wie Winckler erklärt. Konkret bedeutet dies, dass statt einer Entrümpelung der Studienangebote wieder jeder Professor unbedingt sein Fach auch in der Lehre repräsentiert sehen will.

Die Einführung des dreigliedrigen Studiums ist seit der so genannten "Bologna-Erklärung" von 1999 erklärtes Ziel eines Großteils der europäischen Staaten. Es soll durch eine vergleichbare Studienstruktur die Mobilität von Studenten fördern und die Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen gewährleisten. (APA)

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