Kaprun: Verhinderbare Katastrophe

29. September 2004, 09:25
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Staatsanwaltschaft kritisiert in Berufung wieder den Einbau des Heizlüfters

Salzburg – "Einen Zeithorizont kann man nicht absehen." Hans Rathgeb, Vizepräsident des Landesgerichts Salzburg, wollte sich Dienstag über den weiteren Ablauf des Kaprun- Prozesses zu keiner Prognose hinreißen lassen. Fest steht nur, dass die Berufung der Staatsanwaltschaft Salzburg gegen acht der in erster Instanz im Februar Freigesprochenen in den nächsten Tagen deren Verteidigern zugestellt wird und diese dann voraussichtlich drei Monate Zeit haben, eine Gegenäußerung abzugeben.

Erst zu Beginn des kommenden Jahres wird dann ein dreiköpfiger Richtersenat des Oberlandesgerichts Linz mit dem Studium des rund 50.000 Seiten starken Akts beginnen. Das Oberlandesgericht kann die Freisprüche bestätigen oder aufheben; möglich ist auch, dass die Strafsache Kaprun an das Landesgericht Salzburg zur neuerlichen Verhandlung zurückverwiesen wird.

Acht Freisprüche fix

Ursprünglich waren 16 Männer im Zusammenhang mit dem Tod von 155 Menschen im Stollen der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn beim Brand am 11. November 2000 angeklagt. Alle 16 wurden vom Erstgericht freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hat acht dieser Freisprüche akzeptiert, sie sind damit rechtskräftig.

Berufung erhoben hat die Anklagebehörde jedoch im Fall des Technischen Direktors der Gletscherbahnen Kaprun, des verantwortlichen Betriebsleiters der Unglücksbahn, im Fall zweier Mitarbeiter jener Firma, die für den Wagenaufbau des Unglückszugs verantwortlich zeichneten, sowie im Fall zweier Mitarbeiter des Technischen Überprüfungsvereins (TÜV) und zweier Sachverständiger des Verkehrsministeriums.

Als Begründung für die Berufung führt die Staatsanwaltschaft einerseits den Einbau des laut Gutachter brandauslösenden Heizlüfters und andererseits mangelnde Sicherheitseinrichtungen an. Die Brandkatastrophe sei durch "ein falsches Gerät am falschen Ort" ausgelöst worden, formuliert der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Wegleitner. Der Heizlüfter sei für den Gebrauch in Fahrzeugen nicht geeignet gewesen.

Brandschutz fehlte

Schwer wiegen aus Sicht der Staatsanwaltschaft auch die mangelhaften Brandschutzeinrichtungen. Dies sei "als Fahrlässigkeit vorwerfbar." Besonders fatal habe sich das Fehlen jeglicher Kommunikationsmittel zwischen den Fahrgästen und dem Wagenbegleiter ausgewirkt. Hätten die Fahrgäste den Wagenführer über eine Notruftaste von der Rauchentwicklung informieren können, wäre die brennende "Kitzsteingams" nicht in den Stollen eingefahren.

Fazit: "Die Katastrophe hätte vermieden werden können." Und: Entgegen der Ansicht des Erstgerichts hätte eben auch die Möglichkeit eines Brands von vornherein bedacht werden müssen.

Die Verteidiger der acht Beschuldigten kritisierten am Dienstag, dass ihre Mandanten und sie selbst von der Existenz der Berufungsschrift erst durch Medienvertreter erfahren hätten. (Thomas Neuhold; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.9.2004)

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    Einen Ort der Ruhe und Besinnlichkeit bietet in Kaprun die neue Gedenkstätte fuer die Angehoerigen der 155 Opfer der Seilbahnkatastrophe vom 11. November 2000.

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