Lessing in der Disco

4. Oktober 2004, 20:15
posten

"E*****" nach Gotthold Ephraim Lessing eröffnet Wolfgang Reiters Intendanz am Theater am Neumarkt in Zürich

Zürich - Beim Frühstücksespresso auf dem Sofa, nicht "an einem Arbeitstische voller Briefschaften und Papiere" erleben wir den Prinzen Gonzaga (Adrian Furrer) zunächst. Die gemailten Briefe hängt er an die Wand. Und gleich wird er sich die Zähne putzen, ein Streifen Paste schlabbert dabei auf den Boden. Er ist ja auch ganz aus dem Häuschen, weil es um Emilien geht. So beginnt - nach einem stummen Vorspiel - die Zürcher Version von Lessings Trauerspiel Emilia Galotti. Die junge Regisseurin Charlotte Roos hat es im Theater am Neumarkt inszeniert, in der ersten Produktion unter dem neuen Leiter, dem Österreicher Wolfgang Reiter.

Gewiss kann man sich einen verliebten Renaissancefürsten auch so zeitgemäß vorstellen. Die Willkür seines Handelns bleibt gewahrt, wobei allerdings der Akzent von der Macht zum Verliebtsein übergeht. Dabei wirkt er sogar menschlicher, und man glaubt Emilia Galotti (Joanna Kitzl) zu verstehen, die sich von ihm den Kopf verdrehen lässt. Die Liebe der beiden wird hier zeitweise ganz in den Vordergrund gerückt. Es sind während dieser zwei Stunden die intensivsten Momente, die nicht auf Lessings Text, sondern auf der Vorarbeit von Charlotte Roos beruhen.

Wild Heart

Der Stringenz des Stücks tut das freilich nur bedingt gut. Denn durch die zwischen Emilia und Gonzaga so Wild-Heart-mäßig aufblühende Leidenschaft wird die tödliche Konsequenz des Schlusses noch weniger verständlich. Auch die Tugendstrenge des Vaters (Eduard Wildner) ist so kaum einsichtig. Die junge Frau zieht denn auch die Konsequenz selber.

Zu einer neuen Deutung reicht das nicht. Mit Kaffeetässchen und Zahnbürste, moderner Alltäglichkeit also, von der auch die Kostüme Veronika Lindners zeugen, wird einem ein bürgerliches Trauerspiel wie dieses nicht nahe genug gebracht. Das Stück stellt immer noch diese irritierenden Fragen, die eine solchermaßen aktualisierende Inszenierung nur abschwächen, aber nicht beantworten kann: weder durch Anspielungen auf Goethes Werther oder Roland Barthes noch durch eine Parodie systemischer Familientherapie.

Billig wirken vor allem eine Discoszene und eine ausladende Schießerei à la Wildwest: Das sind so die Showeinlagen, die heute auf dem Theater als flott gelten, die aber bereits epigonal sind und nichts zum Erkenntnisgewinn beitragen. Im Gegenteil: Sie stören die Spannung. Der doppelte Boden, den Roos zu ziehen versucht, knarrt.

Emilia Galotti lässt sich also nicht so einfach zur E***** verkürzen. Auf zwei Ebenen allerdings erweist sich der Abend als durchaus anregend. Zum einen hat die Regisseurin zusammen mit der Bühnenbildnerin Stephanie Wagner den Neumarkt-Raum geschickt umgestaltet. Das Publikum sitzt an den beiden Längsseiten, während sich zunächst vorne und hinten auf zwei kleinen, ähnlich eingerichteten Bühnen das Drama entwickelt. Die Morgengymnastik Emilias eröffnet das Stück. Allmählich erst verlagert sich das Geschehen ins Zentrum, zwischen die Zuschauer, und es gewinnt dabei an Direktheit.

Stärke der Sprache

Zum anderen erweisen sich die Sentenzen und Dialoge Lessings überstark. Selbst wenn sie, wie hier, eher unterspielt werden. Der intrigante Marinelli etwa (Leopold von Verschuer) ist hier deshalb weniger böse als ein kühler Macher. Stellenweise behutsam, stellenweise grob hat Roos den Text modernisiert. Das wirkt nur selten aufgesetzt.

Durch diese Sprache, die vor allem bei Claudia Galotti (Anne-Marie Kuster) und der Gräfin Orsina (Birgit Stöger) in ihrer ganzen Schärfe erklingt, kommt der Abend zum Tragen. Und er würde an Kraft gewinnen, wenn die Schauspieler und Schauspielerinnen nicht immer abgelenkt würden und zum Beispiel der Zahnpasta geschickt ausweichen müssten. Die liegt am Schluss immer noch da. Was hätten sie auch mit diesem Exkrement scheinbarer theatralischer Spontaneität anfangen sollen? (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2004)

Von
Thomas Meyer

Weitere Aufführungen bis 2. Oktober Link

Theater am Neumarkt, Zürich
  • Und ewig dampft der Toaster: Mit zeitgenössischen Alltäglichkeiten wird Lessings "Emilia Galotti" am Zürcher Theater am Neumarkt auf modern gestylt.
    foto: maron nitsch/theater am neumarkt

    Und ewig dampft der Toaster: Mit zeitgenössischen Alltäglichkeiten wird Lessings "Emilia Galotti" am Zürcher Theater am Neumarkt auf modern gestylt.

Share if you care.