Kommentar: Was ist teurer: Auto oder Kind?

30. September 2004, 22:43
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Kleiner Nachtrag zur Debatte um den so genannten "autofreien Tag" - von Heinz Högelsberger (Global 2000)

Auf den ersten Blick mag es vielleicht absurd erscheinen, einander so wesensfremde "Objekte" wie Autos und Kinder einem Kostenvergleich zu unterziehen. Um den Wertvorstellungen einer Gesellschaft auf den Grund zu gehen, ist jedoch die Frage, wofür die Menschen bereit sind, ihr Geld auszugeben, ein ziemlich guter Indikator. Schließlich haben wir ja - wenn auch mit Einschränkungen - sowohl was die Entscheidung betrifft, ein Auto anzuschaffen, als auch die, Kinder in die Welt zu setzen, Wahlfreiheit.

Nimmt man nun die durchschnittlich von Österreichs Autofahrer zurückgelegten 13.000 Jahreskilometer und multipliziert diese mit dem amtlich festgelegten Kilometergeld von 36 Cent, so kommt man auf monatliche Kosten von 390 Euro.

Der ÖAMTC hält dieses Kilometergeld allerdings für nicht kostendeckend und plädiert daher für 45 Cent. Demnach wäre den Österreichern das Autofahren sogar stolze 487 Euro pro Monat wert.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut hat seinerseits in einer aufwändigen Studie kalkuliert, wie viel Kinder ihre Eltern kosten. Dabei wurde untersucht, wie viel mehr Geld Erwachsene mit Kindern benötigen, um denselben Lebensstandard aufrechterhalten zu können wie kinderlose Vergleichspersonen. Daraus ergibt sich, dass die direkten Kinderkosten bei durchschnittlich 500 Euro monatlich liegen.

Berücksichtigt man aber die Transferzahlungen (Familienbeihilfe usw.), so liegt der Finanzbedarf in der Bandbreite zwischen 230 und 370 Euro. Da es hierzulande zwar vier Millionen Autos, aber nur ca. 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche gibt, kann man also salopp sagen: Die Menschen in Österreich geben für ihre Autos viermal mehr Geld aus, als für ihre Kinder!

Zwei Milchmädchen

Eine Milchmädchenrechnung? Gewiss! Aber wer hat nicht schon im Bekanntenkreis gehört: "Ein (weiteres) Kind können wir uns nicht (mehr) leisten." Geht es um die Anschaffung eines Autos hat so ein "Bekenntnis" eher Seltenheitswert.

Oder ein anderes Beispiel: Beim Wohnungsneubau ist die Errichtung einer Garage Pflicht. Der Platz, der pro Autoabstellplatz veranschlagt wird, ist in der Regel größer als der für ein Kinderzimmer in derselben Wohnhausanlage.

Eine Milchmädchenrechnung ist dieser Kostenvergleich jedoch allemal - und zwar in ganz anderer Hinsicht, sind doch Kinder für die Gesellschaft "eine Investition in die Zukunft", während der Autoverkehr der Allgemeinheit jede Menge Belastungen aufbürdet: Mehr als 3.000 Todesopfer jährlich (durch Unfälle und Luftverschmutzung), Gesundheitskosten, Lärmbelastung, Flächenverbrauch, Umweltschäden, Treibhauseffekt usw.

Denn die oben vorgenommene Abschätzung beziffert nur die Kosten, die die unmittelbar Betroffenen zu tragen haben - also Autofahrer einerseits und Eltern andererseits - und nicht den Nutzen bzw. die Belastungen für die Allgemeinheit.

(Autor: Heinz Högelsberger, Verkehrsreferent der Umweltorganisation Global 2000, Vater zweier Kinder und Mitbesitzer eines Kraftfahrzeugs. (Der Standard, Printausgabe, 28.09.2004)

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