"Den Sinn erkennt man erst später"

17. Februar 2005, 18:21
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Latein und Altgriechisch - Tote Sprachen oder Schlüssel zur Bildung? Die Überzeugungen von SchülerInnen und LehrerInnen gehen auseinander - mit Umfrage

"Die Bezeichnung tote Sprache passt sehr gut" erklärt Teresa Ott (14), warum sie es unnötig findet, in der Schule Latein zu lernen. Schließlich will sie später weder Medizin noch Jus studieren und hält Französisch oder Spanisch, was sie im Ausland oder sogar später im Beruf anwenden kann, für viel sinnvoller.

Abendländische Kultur

Die Meinungen über die humanistischen Schulfächer Latein und Altgriechisch gehen in unterschiedliche Richtungen. Viele Schüler beklagen sich über die Sinnlosigkeit des Erlernens "toter Sprachen", die doch praktisch nicht mehr angewandt werden. Experten sehen das oft anders: Die Kultur des Abendlandes sei schließlich von der altgriechischen und lateinischen Sprache sehr stark geprägt.

"Man kann sich mit einigen Bereichen wie etwa Musik oder Theater einfach nicht beschäftigen, wenn man deren Wurzeln nicht kennt", ist Christina Lang, Professorin für Latein und Altgriechisch am Akademischen Gymnasium Wien, überzeugt. Lateinunterricht sei in besonderer Weise geeignet, "wahre Menschenbildung" zu vermitteln.

Problematische Übersetzungen

Günther Pöltner, Professor für Philosophie an der Uni Wien, kann dem nur zustimmen. "Jede Sprache impliziert eine Weltsicht", erklärt er. Besonders in der Philosophie entgehe einem ein Großteil der Schriften, denn "Übersetzungen sind immer problematisch".

Auch Schüler Christoph Altmann (14), weiß die positiven Seiten des Lateinunterrichts zu schätzen: "Latein ist eine große Hilfe bei der Ableitung von Fremdwörtern." Nicht nur das, auch erleichtert Latein als "Wurzel sprache" das Verständnis der romanischen Sprachen, weiß Pöltner. "Wer ein Gymnasium besucht, sollte auf jeden Fall mit Latein konfrontiert werden", meint der Philosophieprofessor.

Schüler zwischen Latein und Französisch wählen zu lassen sei nicht zielführend, schließlich wisse man mit zehn, elf Jahren noch nicht, was man damit machen kann: "Den Sinn erkennt man erst später."

(eis, siha/DER STANDARD-Printausgabe,28.9.2004)

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