Ölpreis erstmals über 50-Dollar-Marke

28. September 2004, 11:35
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Wegen Unruhen in Nahost und Nigeria sowie Hurrikan-Folgen - Inflationsbereinigt aber unter Niveau von 1981

Singapur - Der Preis für ein Barrel Rohöl hat erstmals die psychologisch wichtige Marke von 50 Dollar (40,8 Euro) durchbrochen. Im nachbörslichen Handel in Asien erreichte der Preis am Dienstag das neue Allzeit-Hoch von 50,01 Dollar. Hauptgründe für den neuerlichen Anstieg sind die nach wie vor unsichere Lage in Nahost, jüngste Berichte über Gewalt im afrikanischen Förderland Nigeria und der aktuelle Rückgang der Ölproduktion im Golf von Mexiko infolge von Hurrikan "Ivan". Der Rohölpreis liegt derzeit rund 75 Prozent über dem Stand des Vorjahres.

Nach offiziellen Angaben haben die USA in den vergangenen zwei Wochen im Golf von Mexiko über 11 Millionen Barrel an Förderleistung eingebüßt. Nach Angaben der US-Behörden liegt die Tagesproduktion im Golf von Mexiko derzeit rund 29 Prozent unter Normalstand.

"Das ist ein wahrer Sturm"

Die Preise für November-Kontrakte der Marke Light Crude waren am Montag an der New Yorker Rohstoffbörse um 76 Cents auf 49,64 Cents gestiegen, im nachbörslichen Handel wurde auch die 50-Dollar-Marke erreicht. "Das ist ein wahrer Sturm. Das sind die perfekten Zutaten für explodierende Rohölpreise, es gibt kein Nachlassen im System", kommentierte Tony Nunan von Mitsubishi in Tokio die Entwicklung am Ölmarkt. Tim Evans von IFR Pegasus äußerte sich zurückhaltender: "Das heißt nicht, dass die Ölpreise automatisch auf 60 Dollar hochschnellen werden. Wir können jetzt zwar noch höher gehen, aber die Preise können auch fallen wie ein Stein."

Drohender Bürgerkrieg in Nigeria

Im fünftgrößten Förderland der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), Nigeria, droht indessen ein Bürgerkrieg die Ölproduktion lahm zu legen. Die Rebellen in Nigeria haben alle Ölunternehmen im Niger-Delta aufgerufen, ihre Produktion mit 1. Oktober einzustellen. Auch sollten alle Ausländer das Gebiet verlassen, in dem täglich 2,3 Millionen Barrel Öl und damit die gesamte Produktion des Landes gefördert werden. Royal Dutch/Shell hat bereits 200 Mitarbeiter von seinen Ölfeldern abgezogen. Die Rebellen haben auch dem italienischen Unternehmen Agip, einer Tochter des Energiekonzerns ENI, mit Anschlägen gedroht.

Die Aufständischen kämpfen für mehr Selbstständigkeit der Region und werfen der Regierung vor, die Einnahmen aus dem lukrativen Ölgeschäft nicht dem ganzen Volk zu Gute kommen zu lassen. Die Öl-Exporte in Nigeria sind in den Blickpunkt des Marktes geraten, nachdem sich die Händler bereits seit einiger Zeit wegen der Steueraffäre des russischen Ölkonzerns Yukos und der Anschlagsserie von Aufständischen im Irak um die Ölexporte aus den beiden Ländern sorgen.

Geringe US-Lagerbestände

Sorgen bereiten den Händlern auch die deutlich unter dem Vorjahresstand liegenden US-Lagerbestände, die eigentlich nach dem Ende der Hauptreisezeit und vor dem Winter wieder steigen sollten. Die Ölproduktion des Landes wurde aber wegen des Hurrikans "Ivan" zeitweise um mehr als eine Million Barrel pro Tag reduziert. "Ivan" hatte mehrere Bohrinseln im Golf von Mexiko beschädigt und zeitweise einen riesigen Ölimporthafen sowie zahlreiche Raffinerien an der Golfküste lahm gelegt.

Analysten bezweifeln mit Blick auf "Ivan", dass die OPEC in der Lage wäre, im Fall einer akuten und umfassenderen Unterbrechung der weltweiten Ölproduktion die Förderung kurzfristig und in einem beträchtlichen Umfang anheben zu können. Das Förderkartell räumte am Montag ein, dass die Entscheidung, die Förderquoten mit 1. November um eine Million Barrel anzuheben, nicht das gewünschte Ziel erreicht hat, die Märkte zu beruhigen.

Nur ein Prozent Überschuss bei weltweiter Ölproduktion

Verschärft wird die Situation durch ein allgemeines Gefühl von Knappheit auf dem weltweiten Ölmarkt. Die weltweite Ölproduktion liegt derzeit bei rund 82 Millionen Barrel am Tag. Die Überschussproduktion beträgt nach Einschätzung vieler Analysten gerade einmal rund ein Prozent. Das heiß, dass die Märkte im Fall einer größeren Unterbrechung der Ölförderung - aus welchen Gründen auch immer - nur einen geringen Puffer haben.

Etwas trösten mag angesichts all dieser Negativfaktoren die Einsicht, dass der Ölpreis inflationsbereinigt um mehr als 30 Dollar unter dem Niveau liegt, den er 1981 nach der iranischen Revolution hatte. (APA/AP/Reuters)

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    Die psychologisch so wichtige Preisgrenze von 50 US-Dollar je Barrel sind überschritten.

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