Der Trafikant

5. Oktober 2004, 11:19
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Auf vier Quadratmetern mit 250 Ver- und Gebotstafeln behelligt zu werden, ist A. zuviel ...

Das mit den 500-Euro-Scheinen, sagt A., würde sie ja noch verstehen. Und auch, dass jemand aus "wechseltechnischen Gründen" – so steht es jedenfalls auf dem Schild – keine 200er annehmen will, ließe sie sich eventuell noch einreden. Trotzdem, sagt A. geht sie lieber ein paar hundert Meter zu einem anderen Trafikanten. Auch bei Regen, Schnee und eisigem Wind. Sogar den Tschickautomaten an der Fassade gegenüber ignoriert sie. Meistens jedenfalls. Denn, sagt A., auf etwa vier Trafikquadratmetern mit geschätzten 250 Ver- und Gebotstafeln behelligt zu werden, sei dann doch etwas viel.

Als A. das erste Mal von den Schildern erzählte, versuchte ich noch zu kalmieren. Zugegeben: halbherzig. Schließlich weiß ich, dass das keinen Sinn hat. Aber, dachte ich, auch der mir unbekannte Mann im Zigarettengeschäft hat ein Recht auf faire Behandlung. Nur weil er keine großen Geldscheine wechseln will, meinte ich, sei das kein Grund, ihn auf unsere Embargoliste zu setzen. Und Sympathie, gab ich mich weltmännisch, sei kein Kriterium: Erstens muss ich weder mit meiner Supermarkassiererin noch dem Mann vom Schuhreparaturshop knutschen. Zweitens beruht die Unsympathie A.s gegenüber dem Trafikanten vielleicht darauf, dass der beim Tschicküberdiebudelreichen jene Blicke mitgeliefert haben könnte, die von Männern oft als – äh - Sympathiebekundung gemeint sind, von Frauen aber als Impertinenz empfunden werden. Und – oder - drittens: Ob der Händler uns sympathisch findet, interessiert auch niemanden.

Kinderwagenverbot

A. nickte. So, wie immer, wenn sie weiß, dass Argumente nichts ausrichten: Ich möge, seufzte sie, einfach das nächste Mal an ihrer Stelle runtergehen um Zigaretten zu holen. Und meine Weltoffenheit mitnehmen.

Natürlich, stellte ich später fest, hatte A. Unrecht: Von 250 Verbots- und Gebotsschildern in der Trafik kann keine Rede sein – und nicht einmal wenn man die Aufkleber und Aufschriften vor, an und um den Laden mit einberechnete, wäre ich auf eine dreistellige Zahl gekommen. Außerdem würde ich auch ohne das Kinderwagenverbotsschild („aus Sicherheitsgründen“, steht am Kleber) an der Tür nicht auf die Idee kommen, eine Babydroschke in den Laden zu schieben: Ich hätte dann selbst nicht mehr ins Geschäft gepasst.

Und hätte – von der Tür aus - zwar die Plexiglasarmierung gesehen, mit der der Trafikant seine Budel künstlich enger gemacht hat um einen Teil seines Repertoirs vor gierigen Pfoten zu schützen. Aber die beiden Ablageflächen für Kundengepäck wären mir entgangen: Auf zwei Höhen montiert bieten sie – sehr sinnvoll – Platz für Einkaufstaschen, werfen aber doch Fragen auf. Schließlich wird kaum ein Kunde wissen, ob sein Sackerl bis zu drei Kilo (maximalzulässige Belastung der niedrigen Ablage) oder doch knapp fünf Kilo (Höchstlastbeschriftung der zweiten Ablage) schwer ist. Und eine Waage oder einen Hinweis, was mit Sechskilotaschen zu geschehen hätte, suchte ich vergebens. Aber vielleicht habe ich das ja übersehen.

Handyverbot

Schließlich waren da noch die anderen Verbotsschilder an der Tür: Während ich das Verbot, Speisen in die Trafik zu tragen, verstehen kann, überfordert mich das Keine-Handys-Emblem (und zwar so, dass ich mich nicht an das dritte oder vierte Verbotsschild an der Tür erinnere). Ob Telefonieren an sich oder der Eintritt mit empfangsbereiten Gerät untersagt ist, vergaß ich da zu fragen. Aber dafür, dass das Warten vor der Trafik (etwa um ein Gespräch zu Ende zu führen) nicht all zu gemütlich wird, hat der Trafikant gesorgt: Um das Niedersetzen auf jene Kisten, in denen Zeitungsverlage ihre Ware deponieren, zu verhindern, hat er die Deckel mit etwa fünf Zentimeter hohen Metalllamellen armiert. Und natürlich ein "Hinsetzen-verboten"-Schild (wenn ich nicht irre gleich neben einem "Fahrradanlehen-verboten"-Hinweis) angebracht.

Sollte man sich dennoch setzen, bleibt die Tat nicht unbemerkt: Neben den beiden kleinen Videokameras, die den Tschikautomaten überwachen (gut sichtbar und gut ausgeschildert) lugt eine dritte senkrecht auf eine metallstreiferlbewehrte Kiste herab. Zum Drüberstreuen ist der Zwischenraum zwischen dem Zigarettenautomaten und einem darüber befindlichen kleinen Schutzdach – obwohl nur wenige Zentimeter schmal – mit Anti-Tauben-Stacheln versehen. Man weiß ja nie, wer seine Hand wo reinstecken will.

Nur: Was sagt das? Nichts: A.s Zigaretten hat mir der Mann hinter der Budel nämlich anstandslos verkauft. Alles andere ist ja wohl sein Bier.

Sechs Gürteltaschen

Epilog. Neulich saß uns der Trafikant im Bus gegenüber. Statur und Körperhaltung wirkten so wehr- und verteidigungsbereit wie sein Verkaufsbunker: Grünes T-Shirt, feste Schuhe, feste Arme und fester Nacken – und ein (militarygrüner) Gürtel mit Bundesadler. An dem ­ dem Gürtel - trug er sowohl links als auch rechts jeweils drei Gürteltaschen für allerlei Zeugs. Ich tippte auf einen Handyfetischisten. A. dagegen führte Worte wie "Pfefferspray" und "Butterflymesser" im Mund ­– und schaute besorgt auf die offensichtlich schwere Tasche aus grünem Segeltuch, die der Trafikant fest umklammert hielt (im Geschäft steht sie meist griffbereit und offen – aber nicht einsehbar – in Griffweite). "Tageslosung" sagte ich. "Schusswaffe" unkte A. Als wir ausgestiegen waren, sah sie mich lange an: Wenn schon andere Argumente nichts halfen, meinte sie dann, sei die Trafik Grund genug, wieder mal mit dem Rauchenaufhören zu beginnen.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
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