Schicksalstag für KarstadtQuelle

27. September 2004, 19:10
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Konzern kämpft "ums Überleben" - Bis zu 8.500 Mitarbeiter könnten abgebaut werden - Kapitalerhöhung im Gespräch

Essen - Der krisengeschüttelte Versandhandels- und Kaufhauskonzern KarstadtQuelle zieht die Notbremse und tausende Mitarbeiter bangen um ihren Job: Mit harten Einschnitten in Personalkosten, Filialnetz und Firmenbeteiligungen soll die Talfahrt des deutschen Handelsriesen gestoppt werden.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der KarstadtQuelle AG, Thomas Middelhoff, hat die insgesamt etwa 100.000 Mitarbeiter starke Belegschaft bereits am Wochenende kurz vor der Entscheidung über das Sanierungskonzept auf Opfer eingestimmt.

"Es geht ums Überleben", sagte er dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Über die Einzelheiten des Sanierungskonzeptes berät der Aufsichtsrat heute, Montag, Abend.

Drastischere Sparmaßnahmen erwartet

Laut "Financial Times Deutschland" (Montagausgabe) verlangen die Kreditgeber Deutsche Bank und Commerzbank vom neuen Konzernchef Christoph Achenbach drastischere Sparmaßnahmen als bisher geplant.

Zudem seien deutliche Wertberichtigungen vorgesehen, die mit einer Kapitalerhöhung aufgefangen werden sollten, so die Zeitung unter Berufung auf konzernnahe Kreise.

Laut Middelhof ist die Lage in allen drei Kernbereichen des deutschen Konzerns, im Versand- und stationären Handel sowie bei den Dienstleistungen "sehr ernst". Alles, was nicht Stammgeschäft sei, stehe zur Disposition. Middelhoff forderte "einen echten Solidarpakt von Mitarbeitern wie Führungskräften, Gesellschaftern und Banken".

Die nahe Zukunft des Handelsriesen werde "von tiefen Schnitten und weit reichenden Schritten geprägt sein". Auch der Versandhandel von Neckermann und Quelle müsse sich auf einen "schmerzhaften Personalabbau" einstellen.

8.500 Stellen auf der "Streichliste"

Insgesamt sollen nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bis zu 8.500 Stellen auf der Streichliste stehen, davon bis zu 6.000 im Warenhausbereich, berichtete die Zeitung am Samstag. Bisher hatte das Unternehmen angekündigt, dass die Personalkosten um einen Betrag gesenkt werden sollen, der etwa 4.000 Stellen entspricht.

Offen war, ob längere Arbeitszeiten oder Verzicht auf Urlaubstage den Stellenabbau mindern werden. In Unternehmenskreisen verlautete am Sonntag, dass es nicht um eine Kündigungswelle gehe, sondern dass die Stellenzahl auch durch Firmenverkäufe und -ausgliederungen sinke.

Bereits bekannt ist, dass der Konzern die Mehrheit an seiner Hypothekenbank-Tochter verkaufen will. Anfang September hatte KarstadtQuelle bereits die Trennung von wesentlichen Teilen ihres IT-Systemhauses Itellium angekündigt.

Außerdem ist laut "Financial Times" im Rahmen der Sanierung auch eine Kapitalerhöhung im Gespräch. Details dazu sind noch nicht bekannt. Für Dienstag hat das Unternehmen eine Pressekonferenz anberaumt, auf der der Vorstand sein Konzept auch der Öffentlichkeit darlegen will.

Noch keine Stellungnahme aus Österreich

Die Österreich-Tochter von KarstadtQuelle, die Quelle Österreich AG, Linz, wollte zu den aktuellen Probleme in Deutschland keine Stellungnahme abgeben. Pressesprecher Horst Harbauer verwies auf Dienstag. Die Vorstände des Unternehmens seien nicht im Haus und erst am Dienstag wieder zu erreichen, so Harbauer auf APA-Anfrage.

Bei Quelle Österreich findet per 1. Oktober ein Vorstandswechsel statt. Peter Wahle, der seit Mai im deutschen Mutterkonzern werkt, wird von Kees Gabriel abgelöst. Neu in den Vorstand zieht Bernd Kupfer ein, vormals Vorstand bei Neckermann, Graz. Seit Juni im Vorstand ist Andres Pötzsch.

Schwarze Null angepeilt

Quelle Österreich peilt für heuer wie schon im vergangenen Jahr wieder eine schwarze Null an, gab das Unternehmen, wie berichtet im Juli d. J. bekannt. Im Vorjahr setzte das Unternehmen mit rund 1.700 Mitarbeitern rund 312 Mio. Euro um.

Im ersten Halbjahr 2004 legte das Unternehmen beim Umsatz um 4,1 Prozent zu. Quelle Österreich hat nach eigenen Angaben eine Marktanteil vom mehr als 22 Prozent.(APA/dpa/Reuters)

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