Hör mal, wer da spricht

4. Oktober 2004, 12:15
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Mittels RFID (Radio Frequency Identification) lernen Dinge sprechen - Der Mensch erhält eine intelligente Umgebung - mit allen Vor- und Nachteilen.

Vergangenes Wochenende hatte RFID in Berlin einen großen Auftritt. Dennoch wissen die meisten Teilnehmer des Berlin-Marathons wahrscheinlich nicht, dass sie ohne die drahtlose Technologie zur Datenübertragung ihre genaue Laufzeit nicht kennen würden. Denn der Chip, den sich die Langstreckenläufer vor dem Start auf den Schuh binden, ist mit einer kleinen Funkeinheit ausgestattet. Um Zwischenzeiten und Gesamtergebnis zu messen, kommuniziert sie an festgelegten Punkten mit den Empfangsstationen. Damit wird eine zeitechte Messung möglich, deren Ergebnisse sich die Läufer auf Wunsch auch gleich via SMS auf das Handy schicken lassen können.

Chip am Laufschuh

Für die reibungslose Umsetzung dieser Idee, die schon seit mehreren Jahren beim Wien-Marathon Furore macht und nun erstmals auch in Berlin eingesetzt wurde, zeichnet das Linzer Institut für Pervasive Computing verantwortlich. Für Universitätsassistent Simon Vogl ist der Einsatz von RFID - die Abkürzung steht für für Radio Frequency Identification - am Laufschuh ein konkretes Beispiel dafür, was Pervasive Computing bedeutet: Menschen nutzen die Vorteile moderner Informationstechnologien, ohne die dahinter stehende technische Lösung im Detail zu kennen.

Ausblick

Derartige vergleichsweise einfache Anwendungsbeispiele stellen nach Meinung vieler Experten aber nur die ersten Schritte dar hin zu einer Welt, in der die Dinge sprechen lernen. Ob Laufschuhe, Plakatwände, Koffer oder Kühlschränke - die Liste der Visionen ist lang, wenn es um die Stichworte intelligente Umgebung oder englisch "ambient intelligence" geht. Und viele Forscher und Entwickler setzen dabei auf die RFID-Technologie.

Positionierung

Die Vorteile liegen auf der Hand: Erstens kann durch RFID die Position genau bestimmt werden. Und zweiten handelt es sich dabei um eine relativ einfache, in ihren Grundfunktionen gut erprobte Technologie: Im Zentrum steht der Tag, eine Art Etikett, auf dem verschiedenste Inhalte - von Größe und Farbe eines Pullovers bis zum Inhalt eines Koffers - gespeichert werden. Damit die Informationen abgerufen werden können, müssen aber die so genannten passiven Etiketten von einem Empfänger angefunkt werden. Nur teurere, aktive Tags können eigenständig senden.

RFID

RFID ist schon längst in unseren Alltag eingedrungen: Ob auf Mitarbeiterausweisen, die man zur Identifikation vor eine kleine Empfangsstation hält, oder die Berechnung von Mautgebühren auf Autobahnen, überall funken die winzig kleinen Einheiten. "Der Einsatz von RFID wird in den nächsten Jahren sicher stark zunehmen", ist auch Pervasive-Computing-Experte Simon Vogl überzeugt. An seinem Institut habe man als "Forschungsdemonstrator" einen Koffer gebaut, der via RFID immer über seine Inhaltsstücke Bescheid weiß. In einem weiteren Schritt könnte man darüber nachdenken, die gespeicherte Information für kleine Services zu nutzen: indem der Koffer sich die Reiseutensilien beispielsweise merkt und beim nächsten Ausflug erkennt, dass die Socken fehlen, und eine entsprechende Erinnerung auf das Handy des Besitzers schickt. Es könnten "Verbindungen mit beliebigen Kontexten" hergestellt werden, erklärt Vogl.

Ohne Energie

Der große Vorteil von RFID gegenüber anderen Technologien wie Bluetooth (siehe Wissen) bestehe darin, dass die Etiketten extrem langlebig sind und - zumindest in der passiven Version - keine Energie verbrauchen. Dennoch dürften aber auch die Nachteile nicht übersehen werden, betont Simon Vogl ebenso wie Mario Pichler vom Software Competence Center (SCC) im Softwarepark Hagenberg: Einerseits gebe es Bedenken, dass über Produkte mit RFID-Einheiten der einzelne Konsument von den Einkaufsgewohnheiten bis zum Entsorgungsverhalten lückenlos überwacht und kontrolliert werden könne. Und andererseits müsse man auch noch technische Probleme lösen wie etwa die heute noch relativ hohe Fehlerrate, wenn mehrere "tags" gleichzeitig senden.

Es komme eben immer auf das genaue Szenario an, in dem RFID eingesetzt werde, meint Pichler: "Nachdem bei meinem letzten Flug nach Glasgow mein Gepäck in beiden Richtungen verloren ging, könnte ich der genauen Funkortung von Koffern und Taschen auf Flughäfen durchaus etwas abgewinnen." (Elke Ziegler / DER STANDARD Printausgabe, 27.09.2004)

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