Das fremde Gesicht der Dinge

26. März 2005, 22:57
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"L'intrus" bei der französischen Filmwoche

Wien - Fort von der Funktionalität der Dinge, ihrem Gebrauchswert und vertrautem Geschmack, hin zu ihren eigentümlichen Texturen - zu Bildern, in denen sie mit einem Mal völlig fremd erscheinen: Diese - genuin filmische - Dynamik zeichnete schon die bisherigen Filme der französischen Regisseurin Claire Denis aus; selbst dann noch, wenn sie, wie zuletzt in Vendredi soir, von einer vergleichsweise gewöhnlichen Liebesnacht erzählt.

Ihr neuester Film L'intrus, der auf dem vergangenen Filmfestival von Venedig seine Premiere erlebte und nun im Rahmen der Semaine du film francais in Wien zu sehen ist (30. 9.), treibt dieses Verfahren einer Entfremdung verbürgter Wahrnehmungsweisen weiter denn je. Die ersten Szenen bleiben bereits merklich erratisch, ihr Verhältnis zueinander schwer aufschlüsselbar: Drogen werden über eine Grenze geschmuggelt, ein Paar schmiegt sich innig aneinander, ein älterer Mann schwimmt durch einen See, kurze Zeit später krümmt er sich vor Schmerzen.

Aus solchen fragmentarischen Teilen konstruiert Denis sukzessive die Etappen einer Reise, in der sich Innen-und Außenwelt beständig überschneiden. L'intrus ist ganz Kino des Körpers, formal genauso wie inhaltlich. Inspiriert von einem Text des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy über seine Herztransplantation (Der Eindringling), erzählt der Film von einem Mann (Michel Subor), der sich ein kräftigeres Herz beschaffen will; Ausgangspunkt für eine Flucht-, vielleicht auch Verbrechensgeschichte, die auf den Spuren von Murnaus/Flahertys Film Tabu und Robert L. Stevenson über Korea bis Ozeanien führt.

Doch die kausalen Verbindungen bleiben bis zuletzt lose. Dokumentarisches, gefundenes und inszeniertes Material schichtet Denis zu Text mit vielen offenen Enden, aber einer umso sinnlicheren, taktilen Qualität der Bilder.

L'intrus ist der Höhepunkt dieser Filmwoche, in der mit Noémie Lvovskys lyrischem Gesellschaftsporträt Les sentiments (heute, Montag, und am 29. September), Alain Resnais' gesungenem Film Par sur la bouche (28. September) oder mit Exiles, Tony Gatlifs umgekehrtem Emigrationsdrama (27. September) noch einige andere sehenswerte Arbeiten gezeigt werden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 27.9.2004)

Bis 30. 9. im Wiener Burgkino,
Karten: (01) 587 84 06

Von
Dominik Kamalzadeh
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