Voest fährt Richtung Osteuropa ab

3. Oktober 2004, 17:57
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Der Stahl- und Verarbeitungskonzern plant im Dreiländereck Polen/Tschechien/Slowakei ein Stahl-Service-Center, um die Kunden vor Ort beliefern zu können

Die Ostexpansion der Voestalpine nimmt konkrete Formen an. Nächster Schritt des Stahl- und Verarbeitungskonzerns ist kein Zukauf, sondern ein Stahl-Service-Center (SSC), das im Dreiländereck Polen/Tschechien/Slowakei errichtet werden und in der Großregion Lodz niedergelassene Hausgerätehersteller wie Bosch-Siemens, Electrolux und Merloni mit Blechen für Kühlschränke, Geschirrspüler, etc. beliefern soll. Wo genau das SSC, in dem in einem ersten Schritt eine Jahreskapazität von 70.000 bis 80.000 Tonnen Stahl verarbeitet werden soll, errichtet wird, steht laut Voest-Generaldirektor Wolfgang Eder noch nicht fest.

Man prüfe derzeit mehrere Grundstücke, entscheidend für die Standortwahl sei letztlich die Infrastruktur, also die Verkehrsanbindung, und die Höhe der Ziel-1-Förderungen. Mitte Oktober soll der Voest-Aufsichtsrat die Investition absegnen. Über deren Höhe hält sich Eder bedeckt.

Kosten

Die Kosten für die neue Stahl-Anarbeitungsaktivität dürften sich aber auf 30 bis 50 Mio. Euro belaufen. Darin inkludiert: Grund und Boden für die zweite Ausbaustufe, in der die Voest mit ihren Kfz-Karosserieteilen den in Tschechien, Ungarn und der Slowakei niedergelassenen Automobilherstellern Richtung Osten nachfährt. Wann die Division "Motion" grünes Licht für die Expansion bekommt, ließ Eder offen.

Für das SSC in Linz, mit 300.000 Jahrestonnen das größte Stahl-Service-Center der Voest, sei das neue SSC jedenfalls keine Konkurrenz, versicherte der Voest-Chef in einer Pressekonferenz in Mailand. Im Gegenteil, der Transport von Linz nach Südpolen, Westungarn und in die Ostslowakei sei zu teuer.

Italienischer Partner

Ganz zu schweigen von Mailand, wo die Voest seit 15 Jahren gemeinsam mit dem italienischen Partner Siderurgica Gabrielli das Stahl-Service-Center Metalservice betreibt, mit jährlich 900.000 Tonnen Verarbeitungskapazität die größte Anarbeitungs-und Servicegruppe in Italien. Davon 400.000 Tonnen liefert die Voest, die damit 175 Mio. Euro Umsatz macht. Ein Viertel der speziell beschichteten, verzinkten und zugeschnittenen Bleche geht an Zanussi, Whirlpool, Indesit & Co.

In den 50 Jahren ihres Bestehens hat die Voest ihre Italien-Aktivitäten, die auch Schienen, Drähte (Profile), Auto-, Kessel- und Schiffsteile umfassen, kräftig ausgebaut: 560 Mio. Euro Umsatz erwirtschaftete Österreichs größter Einzelexporteur im Geschäftsjahr 2003/04 in Italien.

Automobilindustrie

Nicht ganz so rund wie im Weißwarenmarkt läuft es in Italien in der Automobilindustrie. Auch die Voest spürt die Fiat-Krise, wenngleich sich "die Ergebnismargen langsam wieder erfangen", wie Eder meint. Sorgenkind ist nach wie vor der Karosserieschneider Turinauto, aus dem Dritteleigentümer Voest entweder aussteigen oder den er ganz übernehmen will. "Die zukünftige Ausrichtung hängt von Fiat ab." Und von den Partnern, mit denen es über die künftige Ausrichtung Uneinigkeit gibt.

Praktisch unter Dach und Fach ist der Verkauf der Personalleasing Donawitz mit ihren rund 700 Mitarbeitern. Sie gehöre nicht zum Kerngeschäft, sei zu mehr als 80 Prozent für Böhler und Magna tätig gewesen und werde daher an einen steirischen Betrieb abgegeben, verlautet aus dem Konzern. Den Besitzer wechselt demnächst auch Schmid Schrauben in Hainfeld.

Einer glänzenden Umsatzprognose für das am 31. März 2005 endende Geschäftsjahr stehen Devestitionen, die in Summe rund zehn Prozent des Umsatzes ausmachen können, nicht im Wege: Trotz Hochofenstillstands und hoher Rohstoffpreise, die mit 350 Mio. Euro auf das Ergebnis durchschlagen, wird die neuerdings unter den 400 weltbesten Unternehmen (Forbes) gereihte Voestalpine von 4,6 auf fünf Milliarden Euro Umsatz springen. (Luise Ungerboeck aus Mailand, Der Standard, Printausgabe, 27.09.2004)

  • Die Voest will nicht nur die Haushaltsgerätehersteller, sondern auch die Autoindustrie bei ihrer Expansion in den Osten begleiten. Im Bild die Fertigung einer Autotür.
    foto: cremer

    Die Voest will nicht nur die Haushaltsgerätehersteller, sondern auch die Autoindustrie bei ihrer Expansion in den Osten begleiten. Im Bild die Fertigung einer Autotür.

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