Firmengründer Tanzi nach 275 Tagen wieder auf freiem Fuß

26. September 2004, 19:27
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Hausarrest aufgehoben - Richter entscheidet am 5. Oktober über Prozessbeginn

Rom - Der Firmengründer des insolventen italienischen Nahrungsmittelkonzerns Parmalat, Calisto Tanzi, der für den betrügerischen Bankrotts seines Unternehmens verantwortlich gemacht wird, wird kommende Woche nach 275 wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Hausarrest für den "Milchkönig" aus Parma, der für den größten Finanzskandal in der italienischen Nachkriegsgeschichte verantwortlich gemacht wird, wird am Montag aufgehoben.

Der Großunternehmer, dessen Konzern unter dem Druck eines "Lochs" von über 14 Mrd. Euro zusammengebrochen ist, war am 27. Dezember 2003 in Mailand festgenommen worden und hatte über drei Monate lang in Untersuchungshaft verbracht. Im April war er unter Hausarrest gestellt worden. Zuletzt war er verpflichtet, die Nacht in seinem Haus in Parma zu verbringen und seine Stadt nicht zu verlassen. Diese Sicherheitsvorkehrung wird am Montag aufgehoben.

Auch für die weiteren Drahtzieher des Parmalat-Skandals, den Ex-Co-Chef von Parmalat Austria, Claudio Pessina, die Finanzdirektoren Fausto Tonna und Luciano Del Soldato und den Rechtsanwalt Gianpaolo Zini, wird der Hausarrest am kommenden Donnerstag aufgehoben, teilten die Justizbehörden in Parma mit.

Entscheidung über Verfahren am 5. Oktober

In Parma sieht man inzwischen mit Spannung dem am 5. Oktober beginnenden Verfahren gegen die 29 ehemalige Manager und drei Gesellschaften entgegen, die für die Parmalat-Pleite verantwortlich gemacht werden. Untersuchungsrichter Cesare Tacconi muss bestimmen, ob genügend belastendes Material für den Beginn eines Prozesses vorhanden ist, der noch bis Jahresende erfolgen soll.

Tanzi, Tonna und Del Soldato drängen auf ein Schnellverfahren, das ihnen das Recht auf Strafbegünstigungen einbringen würde. Dank ihrer Zusammenarbeit mit der Justiz zur Klärung des größten Finanzskandals im italienischen Wirtschaftssystem hoffen sie auf ein milderes Urteil. Ihnen drohen jedoch laut italienischen Experten bis zu 15 Jahren Haft wegen betrügerischen Bankrotts, Bilanzfälschung und Geldunterschlagung. Rund 100.000 geprellte Parmalat-Investoren hatten wegen des Finanzskandals Schäden im Millionenhöhe erlitten.

Inzwischen arbeitet Parmalats Insolvenzverwalter Enrico Bondi am Neubeginn des Unternehmens. Der Aufsichtsrat der insolventen Gesellschaft billigte diese Woche einen Plan, der im ersten Quartal 2005 die Notierung der "Nuova Parmalat" vorsieht. Advisor des Börsengangs ist Lazard. In den kommenden Wochen ist die Verabschiedung des industriellen Plans für Parmalat gesehen. Danach sollen alle Aktivitäten des insolventen Milchmultis in die neue Gesellschaft fließen. Das Unternehmen soll im kommenden Jahr wieder die Gewinnzone erreichen. Schwerpunkt bleibt die Milch- und Fruchtsaftproduktion. (APA)

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