Schach-Welt sucht Meister aller Klassen

26. September 2004, 13:18
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WM-Kampf zwischen Wladimir Kramnik und Peter Lenko soll erster Schritt über aufgerissene Gräben werden

Brissago - Schach ist ein bisschen wie Boxen. Beim Zweikampf auf 64 Feldern fließt zwar kein Blut, aber manchmal Schweiß und Tränen. Außerdem gibt es seit 1993, als sich der damalige Weltmeister Garri Kasparow (Russland) vom Weltverband FIDE abspaltete, bei den Denksportlern ähnlich wie bei den Faustkämpfern, mehrere Weltmeister. Der WM-Kampf zwischen Titelverteidiger Wladimir Kramnik (Russland) und Peter Leko (Ungarn), der am Samstag im schweizerischen Brissago begann, soll die zerstrittene Szene zusammenführen. Zweifel sind angebracht.

"Es ist ein Trauerspiel, was mit der FIDE passiert", sagte etwa der deutsche Großmeister und TV-Schach-Moderator Helmut Pfleger, der das WM-Duell am Lago Maggiore für die Zuschauer vor Ort und im Internet kommentiert. Bis zum 18. Oktober rauchen in der Zigarrenfabrik des Sponsors Dannemann die Köpfe. Gespielt wird im so genannten klassischen Schach. Der Sieger soll danach gegen den Gewinner der Partie zwischen FIDE-Weltmeister Rustam Kasindschanow (Usbekistan) und Kasparow antreten. Ob und wo dieses Match stattfindet, ist aber noch völlig offen.

"Der Präsident der FIDE ist eine höchst fragwürdige Figur. Im Verband herrschen Mafia-Strukturen. Es müsste eine neue Führung geben", meint Pfleger. FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow, ein steinreicher Unternehmer aus der russischen Republik Kalmückien, hat bisher noch alle Probleme mit Geld gelöst. In diesem Sommer organisierte er seine umstrittene WM im K.o.-System mit Partien mit verkürzter Bedenkzeit in Libyen. Fast alle Top-Spieler boykottierten das Turnier. Kasimdschanow gilt in der Branche als Zufallsweltmeister.

Dagegen zählt Kasparow, der seinen WM-Titel 2000 in London an Kramnik verlor, für viele Experten weiterhin als weltbester Spieler. Der geniale Taktiker ist aber unberechenbar. Seit einigen Monaten versteht er sich mit Iljumschinow gut. Früher hatte er den FIDE-Chef geschnitten. Die Kehrtwende rief prompt Ex-Weltmeister Anatoli Karpow auf den Plan. Kasparows Erzrivale unterstützt den WM-Kampf Kramnik - Leko und führte am Samstag als Ehrengast den Eröffnungszug aus.

Ein Hoffnungsschimmer in der zerstrittenen Schachwelt ist die Spieler-Vereinigung ACP. Laut ACP-Chef Joel Lautier haben sich mittlerweise 250 Großmeister zusammengeschlossen. Lautier amtiert beim Duell am Lago Maggiore als Turnierdirektor. Probleme hat er nicht zu erwarten. Kramnik (29) und Leko (25) sind zwei nette junge Männer, die sich achten und mit Respekt behandeln. Sie sind nicht mit ihren exzentrischen Vorgängern wie Bobby Fischer zu vergleichen. Der Amerikaner kämpft seit Wochen in Tokio gegen seine Auslieferung in die USA und glaubt weiterhin, er sei der einzig wahre Schach-Weltmeister. (APA/dpa)

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