Serbien: Hart gegen Menschenhändler

11. Oktober 2004, 11:04
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Das sozial ruinierte Transitionsland hat dem "Sex-Trafficking" den Kampf angesagt - Österreich hilft dabei

"Massage für galante Herren", oder "Massage rund um die Uhr". In serbischen, dem österreichischen Bazar ähnlichen Zeitungen kann man Dutzende solcher unmissverständlichen Inserate lesen. Mit näheren Angaben wie "Es wird Englisch gesprochen" will man zahlkräftige ausländische Klienten anlocken - Beamte aus internationalen Organisationen und Botschaften, Geschäftsleute, die nach Belgrad kommen.

Natürlich weiß die Polizei, dass sich hinter den Massagesalons Bordelle verbergen. Obwohl Prostitution in Serbien verboten ist, wird sie geduldet, "solange die Mädchen zum Sex nicht gezwungen werden", wie es heißt. Die Zuständigen Behörden wissen, dass man Prostitution nicht ausrotten kann: Die Polizei unternimmt ab und zu eine Razzia, doch schon nach wenigen Tagen gehen die Mädchen wieder auf die Straße, "Massagesalons" ändern die Adresse, und dann fängt alles von vorne an.

In dem sozial ruinierten Transitionsland Serbien, bei der enormen Arbeitslosigkeit, ist Prostitution für viele Frauen die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen oder sich einen Hauch von Luxus zu leisten.

Menschenhandel sei aber eine ganz andere Geschichte, versichert Aleksandar Olenik, Chef des serbischen Koordinationsdienstes für den Schutz gehandelter Menschen, dem STANDARD. Dieser im März gegründete Dienst arbeitet Hand in Hand mit vielen Frauenorganisationen in Serbien, mit der OSZE und der EU und soll die Bürokratie umgehen und schnell und mobil handeln.

Gesetzespaket

Serbien sei hauptsächlich ein Transitland für das internationale "Sex-Trafficking", durch das Frauen aus dem Nahen Osten und aus Ost- nach Westeuropa transportiert würden, erklärte Olenik. Positiv sei, dass das serbische Parlament neulich ein Gesetzespaket verabschiedet hat, das weitaus härtere Strafen für "Sex-Trafficking" vorsieht als bisher. Problematisch sei, dass die serbische Justiz noch gar keine Praxis mit Menschenhandel hat, der ähnlich wie Menschenschmuggel behandelt wird. In Zusammenarbeit mit der OSZE werden die serbische Staatsanwaltschaft, die Polizei und die Grenzpolizei ausgebildet, Menschenhandel zu erkennen und die Opfer richtig zu behandeln. Auch Gynäkologen sollen besonders ausgebildet werden, sexuelle Nötigung zu erkennen und der Staatsanwaltschaft zu melden.

Österreich-Shelter

Das erste sichere Frauenhaus in Serbien ist im Jahr 2002 dank der Finanzhilfe Österreichs gegründet worden. Die Adresse des so genannten Shelters ist so geheim, dass ihn nicht einmal Außenministerin Benita Ferrero-Waldner besuchen durfte. Seitdem haben dort 128 Mädchen Unterschlupf gefunden, sind ärztlich und psychologisch betreut worden: darunter 45 aus Moldawien, 33 aus Rumänien und 25 aus der Ukraine. Die Zahl der in Serbien registrierten Opfer sei aber seit einem Jahr drastisch gesunken, sagt Vesna Stanojevic, Leiterin der mittlerweile zwei Frauenhäuser für Opfer von "Sex-Trafficking". Heuer seien nur 25 Mädchen in den Frauenhäusern betreut worden.

Weniger Opfer in Frauenhäusern

Nach dem Attentat auf Serbiens Premier, Zoran Djindjic, im März des Vorjahres, hat die Polizei eine massive Aktion unter dem Namen "Säbel" gegen die Unterwelt durchgeführt, bei der rund 20.000 Menschen verhaftet worden sind. Die Menschenhändler hätten sich wahrscheinlich von diesem Schlag immer noch nicht erholt, meint Stanojevic, oder sie haben sich für andere Strecken entschieden. Denn gesetzliche Strafmaßnahmen in Serbien seien wesentlich schärfer geworden - Menschenhandel wird nun wie Drogen- oder illegaler Waffenhandel behandelt. Tatsache sei jedenfalls, dass wesentlich weniger Opfer in die Frauenhäuser kommen. Dagegen sind die sicheren Häuser für Opfer der Gewalttätigkeit in der Familie voll.

Dramatische Situation im Kosovo

Besonders problematisch sei die Lage im Kosovo, in dem es bisher keinen einzigen Unterschlupf für misshandelte Frauen oder gar ein SOS-Telefon gibt. Wegen der großen Anzahl von ausländischen Soldaten gibt es im Kosovo sehr viele illegale Bordelle, die praktisch überhaupt nicht kontrolliert werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 25./26.9.2004)

Andrej Ivanji aus Belgrad

Diese Serie entsteht in Zusammenarbeit mit der Austrian Development Agency. Die redaktionelle Verantwortung liegt ausschließlich beim STANDARD. Koordination: Christoph Prantner

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    Was kostet ein Mensch? Besonders über die Balkanroute kamen die Opfer in den letzten Jahren in die EU.
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