Ein romantischer Realist: Peter Turrini

8. Oktober 2004, 23:47
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Zum 60. Geburtstag des Literaten - Von Michael Scharang

Romantik, der Rückwärtsfantasie bezichtigt, hat entgegen dem Vorurteil auch ein befreiendes Moment: Der Mensch zieht durch die Welt, nicht um sich zu finden - wie trostlos, auf dem Lebensweg immer nur auf sich selbst zu stoßen -, er zieht hinaus, um sich an die Welt zu verlieren. Peter Turrini lässt die Personen seiner Theaterstücke unbekümmert aufbrechen, versehen mit dem Wunsch des Autors, sie mögen nicht an Kummer zerbrechen. Dieser romantisch - befreiende Gestus wirkt rebellisch in einer Gesellschaft, in der die Menschen aus Existenzangst keinen unbedachten Schritt mehr wagen.

Sie werden angewiesen, sich auf den Weg nach innen, nach dem Ich zu machen und die enttäuschende Entdeckung dann als endlich gefundene Identität zu preisen, worauf ihnen die nationale, religiöse und ethnische Identität als Trostpreise nachgeworfen werden. Gegen diese Verstümmelung der Menschen stemmt Turrini sich wie kein anderer Schriftsteller. Er lässt Verstümmelung nicht zu, jedenfalls nicht dort, wo er etwas zu sagen hat, in seinen Stücken, Essays, Gedichten.

Die Welt, in der Turrinis Theaterpersonen sich umtun, ist kein Traumland, sondern die Wirklichkeit in einem umfassenden Sinn. Der Wirklichkeitsausschnitt, der als Thema der Saison die Literaturmode bestimmt, ist dem Autor ein Gräuel. Er geht aufs Ganze - und verstrickt dabei seine Personen immer tiefer in die Realität. Das endet mitunter tragisch. Der Autor und seine Personen fragen sich, woran das liegt, an ihnen oder an der Wirklichkeit.

Dabei wird niemand geschont, nicht der Autor, nicht die Theaterfiguren, nicht die Wirklichkeit. Der Romantiker wird Realist.

Romantisch bleibt er in seiner Lust, sich an die Welt zu verlieren. Früh merkt Turrini, dass wesentliche Teile der Wirklichkeit in der öffentlichen Debatte ebenso wenig existieren wie in der Kunst: die Welt der Arbeit und die der Sexualität. Der Kapitalismus lebt zwar gut von der Ausbeutung des Menschen, doch diesen Menschen, den er zur Arbeits- und Kaufkraft zugerichtet hat, schätzt er gering. Die Arbeitskraft ist prinzipiell zu teuer, der Mensch als Kaufkraft gibt grundsätzlich zu wenig Geld aus. Das schlimmste Manko der Arbeitskraft aber ist, dass sie sich sexuell verausgabt, anstatt dem Betrieb das Letzte zu geben.

Die Welt der Arbeit und die der Sexualität darzustellen ist für den Künstler ein Kraftakt. Turrini muss, um diese Wirklichkeit gestalten zu können, Löcher schlagen in die Mauer des Schweigens und Verschweigens, hinter welcher Arbeit und Sexualität unter Quarantäne stehen. Entsprechend die Struktur seiner Stücke: Gewalt gegen Gewalt. Der Feuilletonist nennt das bewundernd und angewidert Theaterpranke und hofft fortan, dass er die Ohrfeige, die er dafür verdient, nicht bekommt.

Der frühe Turrini stimmt ein Motiv an, das sich im weiteren Werk immer deutlicher entfaltet und seine Dramaturgie bestimmt: Der Mensch spielt nicht eine Rolle, sondern mehrere, im Leben und auf der Bühne. Er hat kein eindeutiges Ich und keine zweifelsfreie Identität. Jede runde Lebensgeschichte besteht aus vielen widersprüchlichen Geschichten.

Große Dramatik war und ist reich an Geschichten und arm an Handlung. Wenn sie gelingt, dann dank einer großen Sprache. Diese Wort für Wort geduldig zu suchen, darin erweist sich Turrinis Meisterschaft.

Die richtige Sprache für die Bühne zu finden, ist das Schwierigste an der Theaterkunst. Turrinis Figuren plappern nicht naturalistisch und röhren nicht pathetisch, sie meiden Manierismen, mit denen zweitrangige Autoren den Dummköpfen signalisieren, das sei ihr Stil. Da Turrini Stil hat, bekundet er ihn nicht. Das stört die Kritik, die an jeden Satz das Markenzeichen des Autors genäht sehen will, nützt aber der Kunst.

Dass Menschen Rollen spielen, spielen müssen: den Heranwachsenden, den Sterbenden, den Auftrumpfenden, den Verzweifelten, den Resignierten, den Revolutionär, prädestiniert sie für das Rollenspiel auf dem Theater. Peter Turrini konzentriert sich geradezu besessen auf dieses Phänomen. In seinem ersten Stück, der legendären "Rozznjogd", entledigen eine junge Frau und ein junger Mann, die einander lieben, sich der Rollen, die sie bislang spielten, in dem Wahn, rollenlos in eine Art Naturzustand zu fallen. Diese Hoffnung erfüllt sich tragisch. Jemand, der sie für Ratten hält, erschießt sie.

Das äußerste Extrem des Rollenspiels findet sich in der Erstfassung von Turrinis neuem, noch nicht aufgeführtem Stück "Bei Einbruch der Dunkelheit", in dem ein Jugendlicher in der Gegenwart des Stücks agiert, aber bereits kommentiert wird von sich selbst als einem alten Mann.

Zentral in Turrinis bisherigem Theaterschaffen, weil geschichtsdeutend, sind "Die Minderleister". Die Zeitenwende rückt näher, der reale Sozialismus packt bereits seine Sachen, der Kapitalismus übt sich darin, wieder allein der Herr im Haus zu sein. In diesem Stück ist das Haus des Herrn ein Stahlwerk. Es wird gerade kein Stahl gebraucht, also braucht man auch keinen Stahlarbeiter. Der löst das Problem, indem er in den Hochofen springt und sich auslöscht.

Der Kapitalismus fordert wie eine antike Gottheit Menschenopfer ein. Was für ein Fortschritt. Peter Turrini besteht als einer der ganz wenigen Schriftsteller auf der Wirklichkeit. Brüstet ein Gemeinwesen sich als wirtschaftsgerecht, prüft er in seinem dichterischen Labor, ob es auch menschengerecht ist. Die Menschheit wird ihm das vielleicht danken. Ich auf jeden Fall. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

Der Schriftsteller und Essayist Michael Scharang lebt in Wien.
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