Sturm im Treibhaus

21. März 2005, 14:21
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Klimadaten von Satelliten eignen sich oft nur für politische Manipulation - ein kritischer Blick ins All

"Rananim" wirbelte durch China, "Charly" durch Kuba und Florida, "Megi" hinterließ in Japan eine Spur der Verwüstung, "Aere" tobte kurz später wieder in China und Taiwan, Florida wurde dann von "Frances" heimgesucht, ein paar Tage später fegte "Ivan" von Grenada über Jamaika und Kuba durch die südlichen US-Bundesstaaten. Zuletzt stürmte "Jeanne" über Haiti und forderte an die 2000 Tote. Und das alles erst in den vergangenen Wochen. Bilanz der Wirbelstürme: Tausende Tote, unzählige Verletzte, noch mehr Obdachlose, Milliarden Euro Schäden.

Was aber steckt hinter dieser jüngsten Anhäufung zerstörerischer Stürme? Sind es einzelne Extremwetterereignisse ohne kausalen Zusammenhang oder sind es Folgen des omnipräsenten Sündenbockes Klimawandel - eine Metapher für menschliche Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Natur, ein Synonym für das der Flora und Fauna drohende Armageddon, ein Lustobjekt für die wissenschaftliche Forschung und Technologieentwicklung und eine Fundgrube für politische Manipulationen?

Die Frage lässt sich heute mangels entsprechend lang zurückreichender Daten über die Wirbelsturmaktivitäten rund um den wärmer werdenden Globus nicht seriös beantworten, wenngleich physikalisch feststeht, dass die Temperatur eine entscheidende Rolle bei der Entstehung solcher Stürme spielt; vielmehr der Temperaturunterschied zwischen aufgeheizter Meeresoberfläche und darüber liegender kühlerer Luftschichten.

Diese Unterschiede und viele andere Wetterfaktoren lassen sich heute ziemlich gut beobachten und messen: Die von unzähligen Satelliten rund um die Erde gesammelten Daten erlauben eine recht zuverlässige Prognose über Entstehung und Auswirkung solcher und anderer Wettergeschehnisse und bilden die Basis für ein globales Vorwarnsystem, das Menschen vor dem Schlimmsten bewahren kann. Seit März 2002 funkt mit dem europäischen Prestigegerät "Envisat" der weltweit größte und teuerste Umweltsatellit entsprechende Daten zur Erde. Aber wird er die Frage beantworten können, ob die jüngste Wirbelsturmhäufung eine Folge des Klimawandels ist? Oder der Hitzerekordsommer 2003? Oder das angeblich noch nie da gewesene Hochwasser im August 2002? Und wird er Klimaprognosen ermöglichen? "Nein", ernüchtert Gottfried Kirchengast, Professor am Institut für Geophysik, Astrophysik und Meteorologie der Uni Graz. "Alle Satelliten, die derzeit oben sind, sind Wettersatelliten, nicht wirklich Klimasatelliten."

Für die Wettervorhersage seien freilich Satelliten wie auch Envisat unverzichtbar, ebenso wie für einige Dokumentationen einzelner Klimaprozesse. Die Daten der Hightechgeräte dominierten heute die Vorhersageergebnisse. Noch bis in die 1990er-Jahre habe die Einbeziehung von Satellitendaten die Ergebnisse der Vorhersagen eher verschlechtert. Doch erst im Vorjahr haben Experimente am "European Centre for Medium-Range Weather Forecasts" in Reading bei London gezeigt, dass sogar beim Verzicht auf alle am Boden und mit Ballons gewonnenen Wetterwerte allein die Satellitendaten die Qualität der Vorhersagen gut erhalten können. Warum nicht auch für Klimamonitoring und -prognosen? Wegen Zeit und Stabilität.

"Es nützt wenig", erklärt Kirchengast, "wenn ein Satellit entsprechende Daten über vier, fünf Jahre hindurch sammelt und dann kommt der nächste Satellit und sammelt diese Daten die nächsten Jahre weiter." Denn egal, wie sensibel und technisch ausgereift die Geräte bisher auch waren, bei der Eichung der Instrumente habe es immer kleine Unterschiede gegeben. Und selbst die jüngere Generation der Satelliten, wo bei einer Ablöse im All die Eichungen ihrer Instrumente gegenseitig abgeglichen werden, habe es immer Datensprünge gegeben, sei die Kontinuität und Stabilität der Messungen durcheinander gebracht worden. "Um aber eine seriöse Aussage treffen zu können, müssen die entsprechenden Klimadaten auf viele Jahre mit einer extremen Stabilität gesammelt werden. Und genau daran krankt es derzeit noch."

Das hindert Klimaforscher freilich nicht daran, auf Basis bisher vorliegender Satellitendaten Klimaprognosen abzugeben. So haben beispielsweise mehrere US-Satelliten seit Ende der 1970er-Jahre die Temperaturen in der unteren Luftschicht der Erde gemessen. Die sprunghafte Datensammlung wurde von verschiedenen Gruppen von Wissenschaftern in drei Varianten interpretiert: Es ist keine Veränderung festzustellen, es ist ein Trend Richtung Erwärmung festzustellen und es ist leicht kühler geworden. Vor den US-Kongress wurden bevorzugt jene Forscher geladen, die zu letzterem Ergebnis gekommen sind. Was mitentscheidend für die Ablehnung des Kioto-Protokolls war.

Um derartige politische Manipulationen, die auf willfährige wissenschaftliche Interpretationen aufbauen, künftig zu verhindern und die Satellitendaten für seriöses Klimamonitoring zugänglich zu machen, arbeiten Kirchengast und Team gemeinsam mit internationalen Kollegen, etwa vom Geoforschungszentrum Potsdam und der Harvard University, an internationalen Standards und modellunabhängigen Messmethoden. Dazu gehört auch die Entwicklung von Klimainstrumenten, die selbsteichend messen und auf Jahrzehnte hinaus konstante Ergebnisse bringen. Ein Forschungssatellit mit solchen Geräten liefert bereits seit zwei Jahren ermutigende Ergebnisse. Mit dem europäischen Metop-Satellitenprojekt, das 2005 startet, bis 2020 Daten sammelt und als Folgeprojekt von Envisat geplant wurde, kommen diese jüngsten Entwicklungen erstmals zum Einsatz. "Dieser Satellit ist der erste, der damit die Bezeichnung Klimasatellit wirklich verdient", freut sich Kirchengast, Leiter des bald die Arbeit aufnehmenden Grazer "Wegener-Zentrum für Klima und Globalen Wandel", ein europäisches Kompetenzzentrum für Klimaforschung. Bis dahin sind seriöse Klimaforscher auf die konstanten irdischen Langzeit-Klimadatenarchive angewiesen: Eisbohrkerne, Sedimentproben, Baumringe und Klimastationen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 9. 2004)

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