STANDARD-Interview: "Es gibt ein neues Bewusstsein"

10. Februar 2005, 22:42
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Ex-Frauenministerin und OSZE-Sonderbeauftragte gegen Menschenhandel Helga Konrad: "Menschenhändler kümmern sich wenig um Grenzen"

Wien - "Menschenhandel ist ein komplexes Problem: Es geht um die ökonomischen Umstände der Gehandelten, er hat einen kriminellen Aspekt, und er hat vor allem mit der Verletzung von Menschenrechten zu tun. Man muss einen umfassenden Ansatz wählen, um erfolgreich dagegen anzugehen", erklärt Helga Konrad im STANDARD-Interview.

Grenzen dicht zu machen sei zu wenig, so die ehemalige SP-Frauenministerin, die seit Mai OSZE-Sonderbeauftragte gegen Menschenhandel ist. "Dieses globalisierte kriminelle Geschäft funktioniert als Netzwerk, und Menschenhändler kümmern sich wenig um Grenzen."

Das bedeutet für Konrad: "Erstens muss einmal der politische Wille da sein, gegen Menschenhändler vorzugehen." Dann müssten Staaten in die Lage versetzt werden, entsprechende Strafgesetze zu haben. Die Opfer müssten als solche erkannt, ihnen müsse gezielt geholfen werden. Die Betroffenen seien vielfach Frauen und Kinder, die in die Sexindustrie gezwungen würden. Auch zwangsarbeiterische Ausbeutung, "moderne Sklaverei", sei gang und gäbe. Besonders am Balkan sei es notwendig gewesen, klarzustellen, dass nicht die Opfer kriminell sind. Das sei über die Jahre gelungen. Konrad: "Es gibt auf politischer und gerichtlicher Ebene heute ein neues Bewusstsein dafür."

Ein Brennpunkt ihrer Arbeit in den vergangenen Jahren im Rahmen des Stabilitätspaktes für Südosteuropa sei der Westbalkan einschließlich des Kosovo gewesen. Dort gebe es eine Nachfrage für Prostituierte. "Und diesen Markt bauen Menschenhändler beinhart auf", so Konrad, die am Freitag auf einer von der OSZE organisierten Konferenz gegen "Human Trafficking" in Helsinki weilte. Die OSZE habe dagegen einen "Code of Coduct" entwickelt - für die eigene Organisation und als "Katalysator" auch für die Nato (als Verhaltensregel für das Personal und als operative Einheit gegen Menschenhändler).

150.000 Opfer

Insgesamt würden über den Balkan bis zu 150.000 Menschen pro Jahr in Richtung Europäische Union gebracht. Die Routen veränderten sich immer wieder. Südosteuropa, so Konrad, sei in den vergangenen Jahren "aber generell weniger interessant geworden, weil Gegenmaßnahmen gesetzt werden".

Die OSZE und der Europarat hätten in den vergangenen Jahren großen Druck etwa auf Staaten wie Montenegro gemacht, wo es Vorwürfe gab, dass hoch gestellte Politiker in den Menschenhandel involviert seien. Helga Konrad: "Wir versuchen den Herrschaften klarzumachen, dass so etwas nicht geht. Wir unterstützen dort eine Rechtsreform, denn ein Schwachpunkt dort ist sicher die Justiz." (Christoph Prantner /DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

  • OSZE-Sonderbeauftragte Helga Konrad: "Menschenhändler kümmern sich wenig um Grenzen."
    foto: osze

    OSZE-Sonderbeauftragte Helga Konrad: "Menschenhändler kümmern sich wenig um Grenzen."

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