Die Affen draußen, die Kunst drinnen

26. September 2004, 11:00
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Im Tierpark Herberstein eröffnete das Gironcoli-Museum - Die Kombination Tierpark und Museum hätte leicht danebengehen können

Die Pop-Art beim Wort zu nehmen müsste eigentlich bedeuten, die Kunst an die Orte zurückzubringen, aus denen sie hervorgegangen ist. Also Andy Warhols Brillo-Boxen in den Supermarkt und Roy Lichtensteins Sprechblasenbilder in einen Comicladen. Auch die Skulpturen Bruno Gironcolis sind aus der Welt der Objekte hervorgegangen, sind Homunculi der Dingwelt, die der Bildhauer in tiefer Verbeugung vor dem Warenfetisch aus Gefundenem und selbst Geformtem als wuchernde Gebilde zusammenfügt. Übergänge zwischen den objets trouvés werden verschliffen oder sind so beschaffen wie die Schweißverbindungen altertümlicher Maschinen. Ist der Konstrukteur Gironcoli zufrieden, wird alles mit einer Farbschicht überzogen, was die allerdeutlichsten Spuren löscht, welche Teile hier zu etwas Neuem wurden.

Silbrig glänzend, golden, mit Bronzelack überzogen, einmal auch in leuchtendem Gelb stehen rund dreißig Skulpturen in dem Museumsbau im Schlossareal von Herberstein, der am Sonntag mit viel Politprominenz eröffnet wird. Ein Museum ist es nur dem Namen nach. Durch die dünne Plastikhaut des Neubaus dringt regelmäßig von nebenan das Geschrei der Vari-Äffchen hinein. Im Altbau, einem rund 350 Jahre alten Tennengebäude, ist dem Besucher zwar weniger präsent, dass er sich inmitten eines Tierparks befindet, aber das imposante offene Gebälk lässt die nun wirklich nicht kleinen Skulpturen zu einem Gewusel schrumpfen, das sich erst bei näherem Hinsehen als Kunst behaupten kann. Es könnten auch Melkmaschinen sein oder die Abfüllanlage eines Winzers, die hier Unterschlupf gefunden haben. Diese Scheune mit ihren aus Ziegelgittern gemauerten Fenstern hat schon viel gesehen. Jetzt sind es eben Skulpturen statt Stroh oder Futtermitteln, die hier mehr ab- als aufgestellt wurden. All das unterscheidet dieses Museum von einem Museum. All das trägt dazu bei, dass es ein sehr besonderer Ort ist, einer, an dem die Skulpturen regelrecht "heimgekehrt" erscheinen, auch wenn die Verbindung von Gironcoli zu Herberstein erst anlässlich der Museumsplanungen geknüpft wurde.

Herberstein gibt sich alle Mühe, ein "moderner" Tierpark zu sein, unter anderem mit einem Terrassengarten von Maria Auböck, aber die Idee der höfischen Kunst- und Wunderkammer, die eben auch lebendiges Exotisches umfasst, passt ganz hervorragend zur wundersamen Welt von Gironcolis Skulpturen. Dass die Geschichte ein bisschen anders verlief, da der gräfliche Zoo erst in den 1960er-Jahren seine Bestände um Tiere anderer Kontinente erweitert hat - wen kümmert's? Die Fremdartigkeit der Lebewesen und die von Gironcolis Skulpturen, die außer von technischem Gerät auch von allerhand Fabelwesen bevölkert werden, miteinander in Verbindung zu bringen, war eine mutige Entscheidung. Die Kombination Tierpark und Museum hätte leicht danebengehen können. Dass sie gelungen ist, liegt auch an dem schmalen Riegel, den Hermann Eisenköck dem mächtigen Stall zur Seite gestellt hat. Dem Architekturpuristen wird vielleicht eine Spur zu gefällig erscheinen, wie Eisenköck eine auf Betonstützen ruhende, mit Kunststoffplatten verkleidete Kiste neben die Scheune gestellt hat. Da wird ein Schweben angedeutet, dann aber breitbeinig abgefangen, werden Details ganz auf der sichereren Seite gelöst. Aber andererseits war der Kostenrahmen mit drei Millionen Euro eng bemessen, so eng, dass Eisenköck auf Teile seines Honorars verzichtete, wie auch viele Firmen sich bereit erklärten, ihre Leistungen zu Sponsorenpreisen zu erbringen. Daher wurde auf Experimente verzichtet, und man hat lieber ein paar Bleche mehr angeschraubt als zu wenige, um die Haut aus Doppelstegplatten an den kritischen Stellen vor dem Regen zu schützen.

Eisenköck ist seit Jahren der Büropartner von Günther Domenig, verwirklicht aber auch eigene Projekte. Er ist der ökonomisch denkende Teil des Gespanns, der Organisator und in der Kunstszene gut verankerte "Netzwerker". Dass die Sammlung nun in Herberstein gezeigt werden kann, ist mit sein Verdienst.

Die Bausumme teilen sich Bund, Land Steiermark und Andrea Herberstein mit je einem Drittel. Dass die Zuwendung aus Landesmitteln als "Ortserneuerungs-Sonderförderung" verbucht wurde, hat im Parlament für Ärger gesorgt, sollte das Ergebnis aber nicht mindern. Für die kuratorische Begleitung wurde Peter Pakesch vom Grazer Kunsthaus gewonnen, der sich sehr zufrieden zeigt, dass der Bau beides möglich macht: eine klassische Ausstellung im Neu- und die eher werkstatthafte Präsentation im Altbau. Dort ist noch ein wenig von der Atmosphäre in Gironcolis Atelier an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu spüren, das aus allen Nähten platzte, nach der Emeritierung des Künstlers aber geräumt werden musste. Zuerst hatte das Land Kärnten Interesse angemeldet, die Werke in Bad Bleiberg auszustellen. Aber mit Landeskräften allein waren die zum Teil tonnenschweren Skulpturen nicht zu stemmen. Erst die Privatinitiative aus Herberstein sorgte für Bewegung. Der Leihvertrag mit Gironcoli läuft zunächst zehn Jahre, die Betriebskosten werden durch die Einnahmen des Tierparks gedeckt, der jährlich rund 200.000 Besucher in die Oststeiermark zieht. Ausschließlich das Museum zu besuchen wird nicht möglich sein. Wäre ja auch schade, denn erst die Kombination (für Erwachsene: 15 Euro) macht den Charme dieses Ortes aus. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

Von Oliver Elser
<´br>architektur
@derStandard.at
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