Lieben im Durcheinander

1. Oktober 2004, 21:10
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Lily Bretts Debütroman erscheint erstmals auf Deutsch

Meistens erweisen die Verlage erfolgreich gewordenen Schriftstellern keinen guten Dienst, wenn sie Texte aus der Jugendzeit oder aus dem Nachlass veröffentlichen. Oft zeigt sich, dass die Autoren diese Werke aus gutem Grund im Computer oder in der Schublade ruhen ließen. Für den ersten, 1991 in Australien erschienenen Roman von Lily Brett trifft das glücklicherweise nicht zu. Im Gegenteil Ein unmögliches Angebot ist ein erstaunliches Debut-Werk, in dem der Grundton der späteren Bücher bereits angeschlagen wird.

In der jüdischen Gemeinschaft in Melbourne bleibt nichts verborgen. Jeder kennt jeden, ist irgendwie miteinander verwandt, jeder wird beobachtet, alles wird kommentiert. So entsteht ein nie versiegender Strom von Skandalgeschichten und Tratsch, der das Grundthema des Romans listig maskiert.

Denn es geht um Erinnerung. Wie viel man davon zulassen kann ohne daran zugrundezugehen. Wie viel man davon an die nächste Generation weitergibt, ohne die Kinder existenziell zu belasten, oder was angerichtet wird, wenn man die Erinnerungen überhaupt verschweigt. Bis die sich dann in etwas Unnennbares verwandeln - und trotzdem immer noch da sind. Es geht darum, wie die Kinder sich bemühen, ihren Eltern alles recht zu machen. Die Immigranten haben den Holocaust überlebt. Die Kinder sollen es gut haben in der neuen Welt. Es geht ihnen auch gut. Materiell. Aber sie benehmen sich seltsam. Was sollen die vielen Seitensprünge und Scheidungen, wo doch die Familie das Höchste ist, das man haben kann?

Und dass eine Frau ihrer verheirateten Freundin ihren begabten Liebhaber verkuppelt, geht denn doch zu weit! Ein ehrbarer jüdischer Witwer verlebt einen sonnigen Lebensabend ausgerechnet mit einer philippinischen Frau und zeugt dann auch noch ein Kind. Sehr zu seiner Erleichterung rastet seine erwachsene Tochter Ruthie nicht aus, sondern erweitert ihren Familienbegriff.

Wie immer bezaubert Lily Brett mit ihrer ironisch gebrochenen, tiefgründigen Sicht auf die Welt im Großen und im Kleinen. "Ich weiß, dass Familien Spalten und Klüfte und Abgründe haben, in die man fallen und in denen man verloren gehen kann. Aber gleichzeitig sind Familien auch Orte der Erfahrung und Bereicherung. Unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Torheiten, unterschiedliche Weisheiten. Und die Liebe. Was macht es da schon, wenn die Liebe ein Durcheinander ist? Wir lieben einander in diesem Durcheinander." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

Von Ingeborg Sperl
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    Lily Brett:
    Ein unmögliches Angebot. Deutsch von Brigitte Heinrich und Melanie Walz.
    € 22,90/329 Seiten. Deuticke, Wien 2004.

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