Textnetze weben

1. Oktober 2004, 21:10
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Walter Gronds "digitale Novelle" "Drei Männer"

Eine digitale Novelle hat man sich wohl so vorzustellen, dass sie die (Hypertext-)Struktur, die Produktions- und Rezeptionsweisen der neuen Medien nachahmt. Trotzdem wäre ich beim Lesen von Walter Gronds soeben erschienener Novelle Drei Männer, die eigentlich aus drei Novellen besteht, nicht unbedingt selbst auf die Idee gekommen, von einer "digitalen Novelle" zu sprechen, hätte der Autor nicht in der "Nachbemerkung" seinen Text solcherart bezeichnet. Grond ist in den vergangenen Jahren zur Galionsfigur eines postmodernen, dem Computerzeitalter gemäßen Schreibens avanciert. Dies belegen insbesondere die Bände Der Erzähler und der Cyberspace (Essays, 1999) und Schreiben am Netz. Literatur im digitalen Zeitalter (gemeinsam mit Johannes Fehr, 2003), Dokumentation eines internetbasierten Projekts und Symposiums an der ETH Zürich.

Literatur und technische Hochschule? Wie passt das zusammen, mag man sich fragen. Denkt man an Robert Musil, den Absolventen der Technischen Hochschule in Brünn und Doktor der Experimentalpsychologie und Philosophie, den Erfinder des Musilschen Variationskreisels und Autor der Verwirrungen des Zögling Törless, des Mann ohne Eigenschaften und der Drei Frauen, dann steht die Verbindung von Literatur und Technik freilich in einer bewährten Tradition.

Es ist sicher kein Zufall, dass der Autor des Mann ohne Eigenschaften gerade in den vergangenen Jahren und insbesondere bei der Avantgarde des digitalen Schreibens dermaßen en vogue ist. Der Mann ohne Eigenschaften ist der Prototyp eines Hypertextes, über den sich der Autor selbst ab einem bestimmten Stadium der Fortgeschrittenheit nur noch mithilfe eines linkartigen Siglen-Verweissystems einen Überblick verschaffen konnte: ein digitaler Roman" "avant la lettre". Und dass gerade das Werk Musils derzeit Gegenstand einer wohl wegweisenden digitalen Ausgabe ist, ist alles andere als ein Zufall, scheint man seinen Texten und insbesondere seinem literarischen Nachlass nur mittels neuester Informationstechnologien gerecht werden zu können.

Es scheint deshalb nur folgerichtig, dass dieser Musil nun zu einer Figur von Gronds digitaler Novelle avanciert, genau genommen von deren Mittelstück, das den Titel Der Romancier trägt. Musils Drei Frauen hat man als unmittelbaren Intertext zu den Drei Männern zu lesen. Eine Lesart, die nicht nur das Motto des Buches nahe legt, sondern auch ein Hinweis Gronds in der "Nachbemerkung"seiner Novelle. Diese könnte allerdings mit ebenso viel Recht den Titel Eine Frau (und drei Männer) oder Prinzessin Djavidan Hanum oder May Török - Musil schrieb bezeichnenderweise "Meh" - tragen, denn im Zentrum der drei doch sehr unterschiedlichen Prosatexte steht die historische May Török, geb. 1877, gest. 1968, eine k. u. k. Österreicherin, deren Herkunft allerdings nicht vollständig geklärt ist.

Ihre Lebensgeschichte liest sich wie ein Märchen oder vielmehr wie ein Kitschroman der Zwanzigerjahre, der direkt in einen Hollywood-Kitsch-Film (Queen for a day von Samir Rafaat) verkurbelt werden konnte. Sie hat vor allem dadurch Aufsehen erregt, dass sie in erster Ehe den Vizekönig von Ägypten, den so genannten Khediven Abbas Hilmi II., ehelichte und etliche Jahre in dessen Harem verbrachte. 1913 kehrte sie nach Europa zurück, arbeitete für die Ufa als Schriftstellerin, Malerin und Pianistin und verkehrte in den Künstlerkreisen Wiens und Berlins. Dort lernte sie u. a. Robert Musil und Gerhart Hauptmann kennen. Musil hat sich wohl in die animalisch-sinnliche May verliebt. Und wie es sich für einen verliebten Autor gehört, entsprangen der echten May drei literarische Figuren: die Bonadea des Mann ohne Eigenschaften, die Freundin und die Alpha der Posse Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer, wobei Letztere ein Mix aus Ea von Allesch, Gina Kaus und May Török ist.

Gemixt wirkt auch Gronds May. Nicht nur, dass sie aus der Perspektive dreier sehr unterschiedlicher Männer geschildert wird macht ihre Differenziertheit aus, sondern auch die Tatsache, dass der Autor sich bei der Niederschrift seines Textes einiger Quellen bediente, die, wie es sich für einen postmodernen Autor gehört, in der "Nachbemerkung" fein säuberlich angeführt werden. Da steht die vor einem Jahr erschienene Musil-Monumentalbiografie Karl Corinos neben der poststrukturalistischen Dissertation Villö Huszais, die Memoiren der May Török und des Khediven neben Peter Handkes Wunschlosem Unglück und den literarischen Texten und Tagebüchern Robert Musils. Ein Text aus Texten ist dieses Buch, eine "Surfiction", ein Remix unterschiedlichster Diskurse, Zeiten, Kulturen, Figuren und Realitätsebenen.

Dabei entsteht auf engstem Raum eine Vielstimmigkeit, eine babylonische Mehrsprachigkeit, wie sie Grond für das digitale Erzählen als definitorisch betrachtet. Zugleich bedient sich der Text aber durchaus konventioneller erzählerischer Muster, wodurch er lesbar bleibt. Brüche sind dennoch erkennbar. Sie verweisen auf die Gemachtheit jeglichen Erzählens und darauf, dass unser Leben schon lange keinem Faden mehr folgt, sondern eher einer Fläche gleicht, weshalb auch das (biografische) Erzählen kaum mehr an einem Faden - dem "berühmten Faden der Erzählung" - und erst recht nicht am "Faden der Wahrheit" (Musil) dahingleiten kann.

Dass Gronds Erzählung der Theorie, der ich hier vielleicht allzu sehr auf den Leim gegangen bin, etwas hinterherhinkt, verwundert nicht. Irgendwie sieht dieses postmoderne Schreiben alt aus, obwohl oder gerade weil es so neu aussehen will. Dennoch bleibt ein positiver Eindruck: Ein Buch für Leser, gefällig und gut geschrieben, aber ohne die Spitzen, die zu stechen vermögen und als Stachel im Fleisch unser Bewusstsein wach halten. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

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    Walter Grond:
    Drei Männer
    Novelle.€ 15,90/112 Seiten.
    Haymon, Innsbruck 2004.

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