Siegfried Lenz' Roman "Deutschstunde"

24. September 2004, 20:15
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Die nationalsozialistische Katastrophe (teilweise) am Beispiel eines Künstlerschicksals demonstriert

Der dämonische "Tonsetzer" Adrian Leverkühn hat sich in den geradlinigen Maler Max Ludwig Nansen, der würdige Erzähler Dr. phil. Serenus Zeitblom in Siggi Jepsen verwandelt, der seinen 21. Geburtstag 1954 in einem Jugendstraflager begeht. Natürlich war Siegfried Lenz weit davon entfernt, mit seinem Roman Deutschstunde dem Doktor Faustus eines Thomas Mann Konkurrenz machen zu wollen. Aber es gibt gewisse Korrespondenzen.

Wenn der Faustus 1947 die epische Auseinandersetzung mit der jüngsten und schändlichsten Epoche der deutschen Geschichte eröffnet, so tritt der Verfasser des 1968 erschienenen Romans als letzter in den Kreis der Autoren ein, die gegen die "Unfähigkeit zu trauern" anschrieben. Und immerhin wird in diesem imponierenden, ungeheuer erfolgreichen Nachzügler-Buch die nationalsozialistische Katastrophe (teilweise) am Beispiel eines Künstlerschicksals demonstriert.

Auch der Maler, seinerseits ein Porträt des Ex- pressionisten Emil Nolde, schließt seinen Pakt mit dem Teufel: Der "Verächter der Städte", der ein abgelegenes Gut bewohnt, tritt früh in die NSDAP ein und begrüßt die Ereignisse des Jahres 1933. Bald allerdings distanziert sich der auf seine Künstler-Individualität pochende Einzelgänger von Mitläufertum und Volksgemeinschaft; 1938 erscheint in Zürich seine Schrift Farbe und Opposition. Nansens Bilder werden aus den deutschen Museen entfernt, und 1943 wird ein Malverbot über ihn verhängt.

Der mit der Überwachung dieser Maßnahme beauftragte Polizist ist sein Jugendfreund: Aus dem Konflikt zwischen den beiden Männern, dem kleinbürgerlich bornierten Vater des Erzählers und dem eigensinnigen Künstler, geht die dramatisch sich zuspitzende Handlung des Romans hervor, die ihren Modellcharakter als Thema einer Deutschstunde nicht verleugnet. Hier der geborene Untertan Jepsen, dort der Maler, der mit der Autonomie seiner Kunst die menschliche Freiheit über alles stellt. Aber Siegfried Lenz ist vor allem ein Erzähler, und so gewinnen die Gegenspieler im Rahmen der vielleicht etwas allzu absichtsvollen Konstruktion ihre jeweils eigene komplexe Wirklichkeit, die der Wahrheit näher kommt als ein noch so sinnfälliges Lehrbeispiel. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

Von
Albert von Schirnding
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche bibliothek
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