Kosmopolitische Wurzelbetrachtungen

1. Oktober 2004, 21:23
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Serbien-Montenegro-Fest im Porgy & Bess: Die Verbindung von Jazz und Volksmusik ist für viele Musiker charakteristisch

Wien - "An sich sind diese Musiker/innen nicht auf einen Nenner zu bringen - außer dass sie aus demselben Land stammen. Allerdings gibt es da die Verbindung von Jazz und Volksmusik, die für viele charakteristisch ist - und gleichzeitig auf den gesamten Balkan-Raum zutrifft."

Im Gespräch mit Bojan Zulfikarpaic über die Musiker des größten jemals veranstalteten Serbien-Montenegro-Festivals, das der Pianist am Sonntag mit einem Solokonzert eröffnen wird, landet man gleich zu Beginn an jenem Punkt, um den beinahe jedes Gespräch mit einem improvisierenden Musiker irgendwann kreist: Die Frage der Identität. "Die Volksmusik des Balkan", so Zulfikarpaic, "ist dem Jazz durch ihren rhythmischen Reichtum und ihre Improvisationselemente näher als etwa die aus Mitteleuropa. Und sie ist extrem präsent: in den Bars, in den Bussen, auf der Straße, überall. Was dazu geführt hat, dass ich sie in meiner Jugend als 'serbischen Nashville-Kitsch' bezeichnet und schroff abgelehnt habe. Erst in Frankreich habe ich den Wert der starken, unverfälschten Tradition hinter der kommerziellen Massenware für mich entdeckt."

Ja, Bojan Zulfikarpaic ist einer jener Musiker, die in der Fremde das Eigene erkannten. 1988 war es, als er im zarten Alter von 20 Jahren von Belgrad nach Paris übersiedelte, aus zwischenmenschlichen Gründen, wie man so schön sagt. Als Bojan Z stieg er dort rasch zum von Michel Portal, Henri Texier und anderen Granden gefragten Sideman auf; in den eigenen Projekten bezog er sich, selbst ein dynamischer Pianist mit breitem Horizont zwischen gebundenen und freien Spielweisen, schon anlässlich des Solodebüts Bojan Z Quartet von 1993 auf serbische und bosnische Volkslieder.

Ob sich in Serbien aus der Beschäftigung der Jazzer mit der Volksmusik jemals Diskussionen um eine mögliche Nähe zur nationalistisch geprägten Politik ergeben hätten? Zulfikarpaic verneint: "Der Balkan ist ein Pool von Sounds und Rhythmen, die oft nur schwer regional zuordenbar sind. Das verbindende Element sind die Roma, sie haben überall Musik aufgenommen und weitergetragen. Nur mit vorgehaltener Pistole könnte man jemanden dazu bringen zu sagen, er mache rein serbische Musik - weil es niemals stimmen kann."

Wobei auf Zulfikarpaic, nach Altmeister Duko Gojkovic (ebenfalls am Sonntag zu hören) der international bereits bekannteste Jazzer seines Landes, längst auch seine Wahlheimat abgefärbt hat: "Einerseits hat mich Paris meine Wurzeln entdecken lassen. Andrerseits musiziere ich heute mit Leuten aus dem Maghreb, Schwarzafrika oder der Türkei." Zulfikarpaic nennt das Stück Sveti Boze (Lieber Gott) als Beispiel: "Das ist ein orthodoxer Gesang eines serbischen Mönchs aus dem 14. Jahrhundert, der ursprünglich auf Instrumenten zu spielen verboten war. Ich lasse diese christliche Melodie von der Flöte Kudsi Erguners, dem türkischen Sufi-Meister, intonieren. In solchen Brücken liegt die Essenz meiner Musik." (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

Von
Andreas Felber

26. 9.-2. 10.
Porgy & Bess

1010 Wien
Riemergasse 11
01/512 88 11
  • Artikelbild
    foto: porgy & bess
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