Jede Melodie ein Pinselstrich

28. September 2004, 20:18
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Die Wiener Philharmoniker und Nikolaus Harnoncourt im Musikverein

Wien - Herbst, Nässe: wundervoll. Entspannendes Regentropfenprelude am Weg zum Konzert. Endlich mal wieder: in den Musikverein. Schön? Schon. Erhaben, streng, "klassisch" thront Hansens Haus am Platze; mildes Licht flutet aus vielen Fenstern. Auch innen drinnen reichlich Glanz und Schein, Stil und Viel, Haltung und Etikette: das Publikum. Mienen so präzise gebügelt wie die Kleidung darunter. Dürfte ich durch? Bitte.

Die erste Hälfte: oioioi. Wer hat sich dieses Programm ausgesucht? Te Deum von Antonín Dvorák: Einen Monat hat der Tscheche zur Fertigstellung seines musikalischen Entrees in Amerika verwendet. Man hört das Werk und fragt sich: so lange? Immerhin scheint Dvorák, der Schelm, gewusst zu haben, wonach die Neue Welt so dürstet: Kitsch und Pathos - im Doppler, bitte. Religiosität als (schlechter) Theaterdonner. Sekündlich erwartet man, dass sich das Dach des Großen Musikvereinssaales hebt und Madonna, die US-amerikanische Konzeptkünstlerin, als Madonna, die Himmlische, von Jeff Koons pink angestrahlt, vom Himmel herniederfährt. Passiert aber nicht. Schade.

Dann Leos Janáceks Das ewige Evangelium: naja. Rhapsodisches Herumgefloate, immerhin mit originellen, natursimulierenden Sounds garniert. Konzertmeister Rainer Küchl soliert wiederholt mit äußerster Intensität, findet auch Zeit, dazwischen kurz ins Publikum zu lächeln. Ein Charmeur. Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn sowie Luba Orgonáova, Ludovít Ludha und Ivan Kusnjer: tüchtig. Pause.

Ein Meisterwerk

Dann endlich: Musik. Die Philharmoniker bringen Dvoráks Achte, und man kann es mal wieder nicht fassen: sooo gediegen, engagiert, subtil, souverän, prachtvoll, musikalisch. Überhaupt, dieser wundervolle Anachronismus Orchester: 80 Mann, hoch qualifiziert, lassen ein Meisterwerk entstehen, im Augenblick, jeder Ton ein Farbtupfer, jede Melodie ein Pinselstrich, alles fügt sich zu einem Ganzen, lebt, glänzt, atmet, strahlt.

Nikolaus Harnoncourt verzettelt sich nicht zu sehr im Detail; alles bleibt im Fluss, transparent, klar, wunderbar. Großer Applaus. Draußen immer noch dunkel und nass: Regentropfenaprèslude, sozusagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2004)

Von
Stefan Ender
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