Die Zerreißprobe

28. September 2004, 21:35
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Plastiksackerl im Test - die unverzichtbaren Helferleins beim täglichen Einkaufstripp

PLASTIKSACKERLN sind mehr als unverzichtbare Helferlein beim täglichen Einkaufstripp: Auch als Taschenersatz, Geheimnishüter oder Archivsystem machen sie eine gute Figur. Monika Sperber und Gerd Götzenbrucker gingen in Wien auf Tour de Sackerl.


Spätestens seit Marcel Prawy und Hermes Phettberg das Plastiksackerl zum Talkshowthema gemacht haben, wissen wir, dass wir die Helfershelfer schlicht degradieren, wenn wir sie nur zum Einkaufen verwenden. "Ein Sackerl hat Ihr Lebensgefährte, Ihr Familienmitglied zu werden, jeden Tag mit etwas anderem gefüllt", schwärmte einst der "Opernführer der Nation". Tausende Tragtaschen, feinsäuberlich beschriftet und geordnet, standen für die Hochkultur seines Sackerlarchives - ganz im Gegensatz zur völlig unstrukturierten Sammlung von Talkmaster Phettberg.

Begonnen hat das Phänomen Einkaufssackerl bereits vor über 100 Jahren, als der Wiener Fabrikant Max Schuschny erstmals eine Tragtasche aus Papier mit Standboden und zwei Henkeln ersann. Bis zur ersten industriell herstellbaren Plastiktragtasche im Jahr 1953 verging aber noch ein halbes Jahrhundert. Als Symbol für den spontanen Einkauf trat sie dann einen schnellen Siegeszug in Lebensmittelläden und Warenhäusern an. Diese Verkaufsstrategie hält auch der Gegenwart noch stand: Rund 80 Prozent aller Spontankäufe werden via Sackerl heimwärts transportiert.

Während 2004 über den literarischen Koffer diskutiert wird, gab es 2003 das "literarische Plastiksackerl" des Tiroler Literaturmagazins Cognac & Biskotten. Die Idee, dem weit gehend identitätslosen Gebrauchsgegenstand Individualität zu verleihen, hatten aber schon Roy Lichtenstein und Andy Warhol, indem sie die schmucklosen Bags bemalten und für zwölf Dollar pro Stück verkauften. Joseph Beuys verwendete sie in den 70ern für den Transport politischer Botschaften, und im Vorjahr gab es als Hommage an den großen Sackerlliebhaber eine "Marcel Prawy"-Sammlerstückauflage im "möbel" zu erstehen. Trotz cineastischer Berühmtheit mancher Tragtasche - zum Beispiel das weiße, im Wind tanzende Sackerl in "American Beauty" - bleibt der Plastikbeutel für die meisten doch einfach nur ein Einkaufsbehelf.


Kriterien und Bewertung

Sechs gängige Polyäthylentaschen (PE) wurden folgendermaßen befüllt: Milch (1 l), Wein (0,75 l), Spaghetti (0,5 kg), Bananen & Trauben (je 1 kg), Tiefkühlgemüse (0,48 kg), Tomaten (0,5 kg), Joghurt (0,5 kg), Freilandeier (6 Stück), Feinkost (0,55 kg), Servietten (100 Stück), Salat und ein Basilikumstöckerl - gesamt 8,5 kg. Auf einer genormten, 17-minütigen Teststrecke durch Mariahilf wurden die Sackerln einem Reißtest unterzogen: Als Kriterien fungierten Packtauglichkeit, Einschneidefaktor der Tragegriffe und Belastbarkeit des Materials; der Umweltaspekt (Wiederverwendbarkeit) und das Design flossen ebenfalls in das Bewertungsschema ein. Die Juroren vergaben für jedes Produkt zwischen null und zehn Punkte, wobei zehn die beste Note darstellt. Die Summe aller vergebenen Punkte, dividiert durch die Anzahl der Testpersonen, ergab die Gesamtnote.


Die Ergebnisse

Das Patriotische: Spar
Preis: 0,21 €; H: 45,5cm , B: 45 cm, T: 21,5 cm
Als Modeaccessoire verfehlt diese Tasche in Rot-Weiß-Rot eindeutig ihre Wirkung, dafür überzeugt sie wie keine andere durch Qualität. Eine fast quadratische Form und breite Tragfläche machen das Packen bequem und einfach - und das Sackerl nicht bis obenhin voll. Somit blieb auch dem Basilikumstöckchen genügend Luft zum Atmen. Der Kunststoff fühlt sich glatt und dick an und behält seine Form. Die Griffe sind weich und dehnen sich anfänglich, was kurz verunsichert. Selbst nach der 8,5-Kilo-Fracht sind keine "Verletzungen" erkennbar. Als einziges Testsackerl für jeden Zweck weiter verwendbar und daher eindeutiger Sieger.
Gesamtnote: 8

Das Coole: Merkur
Preis: 0,21 €; H: 49,5 cm, B: 44 cm, T: 10 cm
Ganz im puristisch-luftigen Design mit durchsichtigen gelben und grünen Flächen, gespickt mit zwei Oscar-Wilde-Zitaten, ist die Merkur-Tragtasche beinahe zu lifestylish für einen Lebensmittelkonzern. Durch die enge, lange Form und die schmale Tragfläche ist das Packen weniger bequem und der Inhalt gerade noch unterzubringen, was unser Basilikumstöckchen in Bedrängnis bringt. Die Oberfläche ist im Vergleich härter und spröder, das Material (eine spezielle, reißfeste PE-Mischung) nicht elastisch, doch die Griffe sind am schonendsten für die Hände. Nach der Belastung weist das Sackerl kleine Kratzer auf, die Unterseite ist leicht beschädigt. Eine Wiederverwendbarkeit ist daher nur teilweise gegeben.
Gesamtnote: 6,5

Das Brave: Zielpunkt
Preis: 0,20 €; H: 47,7 cm, B: 43,1 cm, T: 11,9 cm
Die ersten 100 Meter erfüllt die Tragtasche mit den Obstmotiven alle Voraussetzungen für den Testsieger, doch dann reißt der Tragegriff ein, bleibt allerdings bis zum Ende stabil. Auch hier muss das Sackerl aufgrund der engen "Bodenfalte" prall gefüllt und teilweise gestopft werden - ein Gräuel für unser Basilikumstöckerl. Das Einschneiden der Henkel bewegt sich im guten Mittelfeld. Das Material fühlt sich dünn und wenig widerstandsfähig an, dieses Vorurteil bestätigt sich aber nicht. Bis auf den kleinlöchrig durchgedrückten Flaschenrand bekommt das Sackerl nur kleine Kratzer ab, ist aber ebenfalls nur bedingt weiterverwendbar.
Gesamtnote: 4,5

Das Lustvolle: Mondo
Preis: 0,21 €; H: 51,8 cm, B: 45 cm, T: 10,2 cm
Eine sympathische Tasche mit appetitlichen Motiven und einem penetranten Rufzeichen, die ebenfalls unter die Kategorie "lang & schmal" fällt. Sie ist einfach und bequem zu bepacken - selbst unser Basilikum fühlt sich wohl - und die Griffe schneiden nicht allzu sehr ein. Aber gerade die Länge wird Menschen unter 1,70 Meter zum Verhängnis: Gehsteigkanten und Stiegenaufgänge konnten ohne Anheben konnten nicht gemeistert werden. Die Bilanz: kleine Ausbeulungen, einige wenige Kratzer und mehrere kleine Risse an der Unterseite, daher nur bedingt wieder verwendbar.
Gesamtnote: 4

Das Klassische: Billa
Preis: 0,25 €; H: 49,8 cm, B: 45,1 cm, T: 10,1 cm
Der voll bepackte Klassiker unter den Plastiksackerln vermittelt auf den ersten 200 Metern hohe Sicherheit, guten Tragekomfort, und auch die Griffe schneiden anfangs nicht ein. Bei längeren Distanzen fällt das hoch geschnittene Sackerl mit der schmalen Tragfläche wieder in Richtung Mittelfeld ab. Vor allem bei kleinen Menschen wird es eng in Sachen Bodenfreiheit, und auch unser Basilikumtopf hätte sich für diesen Preis mehr Komfort erwartet. Die Oberfläche zeigt sich bis auf eine Ausbeulung unbeeindruckt, nur die Unterseite hat einige kleine Löcher abbekommen, die versprochene uneingeschränkte Funktion über den ersten Gebrauch kann also nicht gehalten werden.
Gesamtnote: 4

Das Billige: Hofer
Preis: 0,19 €; H: 50,5 cm, B: 45,2 cm, T: 8,9 cm
Die durchscheinende, weiße Tragtasche mit dem großen Hofer-Logo fühlt sich ein wenig dünn an und ist mit unserem Einkauf voll ausgelastet. Der Henkel schneidet schon nach kurzer Zeit ein, dehnt sich, wird sehr dünn, und das Tiefkühlgemüse bahnt sich ein Zwei-cm-Loch ins Freie. Die Tasche beult sich beim Tragen aus, bekommt noch ein kleines Loch und wirkt überfordert. Trotzdem bleibt sie stabil bis zum Ende. Der perforierte Flaschenabdruck an der Unterseite sieht bei einer näheren Inspektion gefährlich nach "kurz vor dem Durchriss" aus, und auch unser Basilikum hat einige Blätter lassen müssen. Eine Zweitverwendung würden wir daher nur in Notfällen empfehlen.
Gesamtnote: 2,5
(DER STANDARD, Printausgabe vom 25./26.9.2004)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.
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