Wimbledon am Wörthersee

25. September 2004, 11:51
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Nach dem ersten Tag steht es zwischen Österreich und Großbritannien 0:0, Regen verhinderte jedes Treiben in Pörtschach

Pörtschach - "So ist das Leben", sagte Captain Thomas Muster und spielte eine Karte nach der anderen aus. Herz, Pik, Kreuz. Es gibt eben diverse Arten, die Zeit zu töten, Stefan Koubek unterhielt sich zum Beispiel ausführlich mit seinem DVD-Player. Jürgen Melzer schaute aus dem Fenster raus und ins Graue rein, meinte, man dürfe sich die Laune nicht verderben lassen.

Tim Henman ließ ausrichten, er sei so ein Wetter von Wimbledon gewöhnt, für einen echten Engländer ist das Warten auf ein Tennisspiel Teil der Ausbildung. Koubek und Henman hätten am Freitag um elf Uhr den Daviscup zwischen Österreich und Großbritannien beginnen sollen. Muster, um den es eigentlich nicht geht, wäre mit anhaltendem Applaus begrüßt worden. Aber da das Leben so ist, war nur der Regen anhaltend.

Pörtschach wurde zwar nicht von einem Adriatief heimgesucht, davor haben die Kärntner nämlich großen Respekt. Es handelte sich diesmal um eine ordinäre Störungsfront aus dem Nordwesten, die hat es sich in den Karawanken bequem gemacht.

BBC mit voller Montur

Im Werzer-Stadion wurden die Fans patschnass, von den Wangen lief die Schminke bis in die Stiefel rein. Das kommt davon, wenn man sich die Backen mit roten und weißen Farben bemalt. Ein paar Dutzend Schlachtenbummler aus England waren auch zugegen, keine Hooligans, nicht einmal Hooligänschen. Ganz normale und nüchterne Urlauber, die vom Wörthersee das erhofften, was sie sonst so selten kriegen: Sonnenschein.

Die BBC hätte den Tag komplett und live übertragen, der britische Sender betreibt riesigen Aufwand (vier Zeitlupenkameras inklusive), kam mit drei Ü-Wägen angereist. Der ORF verlegte das Ereignis aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen auf TW1, dabei hätte er sogar die Rechte fürs Tennis. Andererseits: wo nichts nicht gezeigt werden kann, ist das auch schon egal.

ÖTV-Generalsekretär Martin Reiter telefonierte alle 20 Minuten mit der Klagenfurter Flugwetterwarte, die berichtete von dem, was man in Pörtschach ohnehin sah und spürte: vom Regen. Schiedsrichter Stefan Fransson erklärte stündlich, man warte noch eine weitere Stunde zu. Bis es endlich finster ward. Britische Journalisten wollten wissen, weshalb man Ende September im Freien spielt, ihnen wurde mitgeteilt, dass das in Kärnten noch nie ein Problem war. Prinzipiell kann der Daviscup bis zum Dienstag verlängert werden. So weit sollte es aber nicht kommen, schon der Samstag verheißt Besserung. "Keine Panik, es wird gespielt, was geht", so Fransson.

Freitag-Tickets bleiben gültig

Koubek und Henman werden um 9:30 Uhr rausgeschickt, Melzer und Rusedski setzen fort, die Tickets vom Freitag behalten Gültigkeit. Vor dem Doppel werden die Zuschauer getauscht, was organisatorisch gesehen kein Honiglecken ist. Sollte eines der beiden Einzel über mehr als 45 Games gehen, steht dem betroffenen Spieler eine Übernachtung zu. Henman und/ oder Rusedski könnten also das Doppel verweigern.

Thomas Muster bilanzierte gar nicht so negativ. "Es tut mir Leid für die Fans. Aber das britische Wetter kann unseren Vorteil vergrößern. Der Platz wird tiefer, die Bälle schwerer." So ist das Leben. (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25./26.9. 2004)

  • Stefan Koubek und Tim Henman bei der Auslosung.

    Stefan Koubek und Tim Henman bei der Auslosung.

  • Schlechtwetter am Wörthersee.

    Schlechtwetter am Wörthersee.

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