Sekundenbruchteile, die entscheiden: Gespräch zwischen Paulo Coelho und Anton Zeilinger

25. September 2004, 11:30
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Eine Diskussion über Spiritualität und Wissenschaft

Wien - Dass der Biologe Günter Blobel in Mailand sein Flugzeug um fünf Minuten versäumte: Lag das am Verkehr, war er kurz indisponiert, war es schlicht "Italien" oder sonst ein "Zufall"? Wir wissen es nicht.

Doch sein Fernbleiben am Podium Donnerstagabend im Hörsaal der Materialphysik der Wiener Uni bescherte den anderen beiden Diskutanten gleich einen guten Einstieg, eröffnete es doch das weite Feld der Spekulation bzw. des Versuchs, dem Phänomen sachlich gerecht zu werden. Zu "Spiritualität und Wissenschaft" hatten das Waldzell Institut, eine vor eineinhalb Jahren gegründete "Plattform für Suchende", und der Kurier geladen, zu einem Dialog zwischen dem brasilianischen Autor Paulo Coelho und dem Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger - und dem Publikum, das den Saal füllte und auch einen zweiten, per Video angeschlossenen.

Der Wissenschafter zerlegte den Zufall gleich in zwei Formen. Die eine, die immer irgendeine Erklärung findet, scheine uns nur zufällig; das sei die "subjective chance" (die Debatte fand auf Englisch statt). Die andere, die zum Beispiel einzelnen Ereignissen auf Quantenniveau zugrunde liegt, sei objektiver Zufall, da gebe es keine versteckte Erklärung. "Ich würde sogar noch weiter gehen", sagte Zeilinger, "und meinen: Gott weiß auch den Grund nicht", warum im subatomaren Bereich sich Dinge so abspielen, wie wir sie wahrnehmen.

Der Schriftsteller sprach nun darüber, wie man in unserer, also der Makro-Welt immer mit dem Unerwarteten rechnen soll. Weder die Kunst noch die Technologie noch die Religion allein könnten unsere "Resultate" diktieren, es bleibe immer ein zufälliger Rest. "Warum sitze ich jetzt zum Beispiel hier? Oder warum meine Assistentin? Weil ich mich vor 17 Jahren in einem Theater zufällig nach ihr umgedreht habe!" Es seien Sekundenbruchteile, die über Wendungen im Leben entscheiden.

Damit konnte auch Zeilinger etwas anfangen, und so entspann sich zwischen den beiden ein fruchtbares Gespräch. In seinem Verlauf streiften sie die unterschiedlichen Verwendungen von Begriffen wie "kritische Masse" (Coelho: "Sie wächst zurzeit, alle Welt beschäftigt sich mit dem Irakkrieg.") und "Quantensprung" (Zeilinger: "Das wundert mich, dass man das so hoch einschätzt - das ist ja was ganz Winziges."); sie reflektierten über die globale Sprache der Gefühle ("Ich verstand die Beatles, ohne Englisch zu können"); und sie vernachlässigten auch nicht das Titelthema der Spiritualität.

Diesbezügliche Fragen kamen auch aus dem Publikum, das zum Teil aus schwärmenden Bewunderern bestand. Zum Beispiel die, ob die Diskutanten an Engel glaubten. Coelho sagte klipp und klar Ja. Zeilinger gab "die Antwort eines Wissenschafters: Wenn Sie mir definieren, was ein Engel ist, dann beantworte ich Ihre Frage." (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 9. 2004)

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