Der Halbmond und das Sternenbanner

4. Oktober 2004, 19:44
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Ein Gedankenaustausch über Hürden und Perspektiven eines Beitritts der Türkei - Kommentar der anderen von Franz Eckert

Ein Gedankenaustausch unter freiem Himmel über Hürden und Perspektiven eines möglichen Beitritts der Türkei zur Europäischen Union: Aufzeichnungen von einem Gespräch eines katholischen Würdenträgers mit einer jungen Muslimin aus Ankara.

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Unter einem samtenen Nachthimmel singen in einem halb verfallenen Bergdorf kroatische Jugendliche vor internationalem Publikum die alten Lieder ihrer Heimat.

Die meist schwermütigen Lieder können von ihren Wurzeln her keinem bestimmten Kulturkreis zugeordnet werden. Sie vermitteln die weltweite Sehnsucht der Jugend nach einer heilen Welt und erinnern mich an unsere eigenen, heute fast vergessenen Lieder, die wir in längst vergangener Zeit nach den Matthias Claudius-Texten, die jeder in allen Strophen auswendig wusste, unter dem gleichen Sternenhimmel zur Laute gesungen haben.

Neben mir sitzt eine junge Türkin, 25 Jahre alt, Politologin an der Universität Ankara. Ich denke an mein unfertiges Manuskript über "das Kreuz mit den Türken" und frage sie nach einigen Einleitungshöflichkeiten rund heraus, ob die Türkei dem europäischen oder dem asiatischen Kulturkreis zugerechnet werden müsse. "Natürlich dem europäischen", antwortet sie etwas schroff, so, als hätte ich eine herabsetzende Bemerkung über ihre Heimat gemacht.

"Aber der Osten und Südosten Ihres Landes" wende ich ein, "rechnen Sie den auch zum europäischen Kulturkreis?" Darauf ihre prompte Antwort: "Um eine Region einem Kulturkreis verlässlich zuzuordnen, braucht es eine signifikante Kultur, die ohne Bildung und Erziehung nicht entstehen kann. Beides gibt es in diesen Landesteilen derzeit nicht.

Nach der Vertreibung der uralten Kulturvölker und der Zerstörung ihrer Kulturdenkmale ist dort ein kulturelles Vakuum entstanden, ein Niemandsland zwischen Europa und Asien, das man mit Sicherheit dem europäischen Kulturkreis wird zurechnen können, wenn unsere Bildungs- und Erziehungsprogramme erst einmal Früchte getragen haben."

Eine Pause entsteht, wir wollen auch nicht zu laut werden, um den Gesang nicht zu stören. Dann frage ich sie nach ihrer Religion.

Sie sei Muslimin, und zwar aus Überzeugung, gibt sie zur Antwort und fügt hinzu: "Ich akzeptiere das Kopftuch, auch wenn ich es selbst nicht trage, aber ich verurteile jeden Eingriff in die Religionsfreiheit, auch hinsichtlich solcher Äußerlichkeiten. Das französische Gesetz gegen die religiösen Symbole in der Öffentlichkeit ist ein Irrweg. Wer entscheidet, was ein auffälliges Symbol ist?

Wir sollten die Religionen weder aus dem öffentlichen Leben verbannen, noch das öffentliche Leben von ihnen bestimmen lassen. Wir fürchten uns nicht vor der Europäischen Union, obwohl ihre Fahne blau ist und die zwölf Sterne Mariens trägt."

Etwas unsicher erwidere ich, dass Maria doch auch im Koran einen hohen Stellenwert einnehme. "Eben deshalb kann man ein Land nur wegen des Islam als Mehrheitsreligion nicht aus dem europäischen Kulturkreis verbannen.

Das wäre die effektivste Wegbereitung für den 'Clash of civilizations', der erst dann eintreten wird, wenn Religion und Kultur gleichgesetzt werden. Und übrigens: stammen Judentum, Christentum und Islam nicht aus der gleichen Region und aus gleichen Wurzeln? Und haben sie nicht miteinander schönste Blüten der Kultur hervorgebracht? Haben Sie Toledo vergessen?"

Nun bringe ich die Menschenrechte und das Kurdenproblem ins Spiel: "Die reformierte Verfassung liegt Ihnen doch vor", antwortet sie etwas verwundert, "finden Sie darin ein geringeres Menschenrechtschutzniveau als in der EU-Verfassung oder in den Verfassungen ihrer Mitgliedsländer?

Menschenrechtsverstöße gibt es überall, wir werden in unserem Land gewiss darauf achten, dass das Schutzniveau nicht geringer sein wird, als in den EU-Ländern."

Noch einmal frage ich nach der Situation der Kurden. "Ach, die Kurden!" antwortet sie mit einem Seufzer. "Im Rahmen der Reformen haben wir den Kurden mehr Rechte eingeräumt, als jemals seit unserer Staatsgründung.

Sie sind privilegiert und gefördert gegenüber allen anderen Minderheiten, aber in manchen Bereichen auch gegenüber der Mehrheitsbevölkerung, was Herrn Erdogan manchen Vorwurf eingetragen hat. Hätten wir die Reformen nicht, wäre Herr Özalan längst nicht mehr unter den Lebenden."

Und nach einer kleinen Pause setzt sie hinzu: "Ein Volk, das einen eigenen Staat will, wird mit Minderheitsrechten niemals zufrieden sein." Ich denke an die Situation im Heiligen Land und erwidere nichts. Warum messen wir mit so verschiedenen Maßstäben?

Dann frage ich: "Wenn Erdogan und seine AKP die Türkei um jeden Preis in die Europäische Union führen wollen und zu diesem Ziel viele Mühen auf sich genommen und dem türkischem Volk auferlegt haben, was wird geschehen, wenn das Volk dessen müde wird und Erdogan abwählt?"

Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: "Unser Wunsch nach einer Mitgliedschaft ist iälter als Erdogan und seine AKP und wird sowohl ihn als auch seine Partei überleben.

Wenn wir nicht von der Union abgelehnt werden, dann werden diese Leistungen des türkischen Volkes nicht mehr rückgängig gemacht werden können, unabhängig davon, wer in der Regierung sitzt." Das Konzert ist zu Ende, der Platz ist leer.

Wir gehen hinunter zu den wartenden Fahrzeugen und ich riskiere eine letzte Frage: "Haben Sie Anlass anzunehmen, dass die Union Ihren Beitrittswunsch zurückweisen könnte?" Sie bleibt stehen, dreht sich zu mir und im Dunkel sehe ich ihre Augen auf mich gerichtet: "Ist nicht die Bevölkerung in Ihrem Land, ohne diese Mühen der Beitrittsvorbereitung mittragen zu müssen und ohne Rücksicht auf die politischen Versprechungen, die unserem Land seit Jahrzehnten gemacht werden, derzeit mit großer Mehrheit gegen unseren Beitritt?

Und sprechen die Politiker in Ihrem Land nicht eine gänzlich andere Sprache als in den Organen der Union? Die türkischen Medien berichten breit und ausführlich über die Reaktionen in den EU-Ländern. Das schafft Misstrauen und Kränkungen, aber seien Sie gewiss: wir wissen von ähnlichen Reaktionen bei früheren Beitrittsrunden.

Wir werden uns durch nichts und durch niemand irre machen lassen, weil wir von der Richtigkeit dieses Weges in unserem Interesse, im Interesse der Union, im Interesse der Stabilität in der Süd-Ost-Region Europas und im Interesse des Friedens in der Welt überzeugt sind."

Sie gibt mir zum Abschied die Hand. Dann steigt sie in den Autobus und ich bleibe allein. Langsam gehe ich durch die mondhelle Nacht zu meinem Fahrzeug. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.9.2004)

Franz Eckert ist Integrationsbeauftragter der Österreichischen Bischofskonferenz.
  • Vielleicht ist es in manchen Konfliktsituationen weniger wichtig, welcher Meinung wir sind, als ...

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