"Wer zahlt, schafft an - und umgekehrt"

1. Dezember 2004, 20:08
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Wenn sich die Politik von der Bahn etwas wünscht, dann muss sie das auch zahlen, meint der designierte ÖBB-Chef Martin Huber im STANDARD-Interview

STANDARD: Wie stehen sie zum Eigentümer Staat, darf er sich in das Geschäft einmischen oder darf sich die Politik etwas wünschen?

Huber: Wünsche sind immer erlaubt, keine Frage. Das Grundprinzip, wer zahlt, schafft an, hat schon was für sich. Das ist auch in der Privatwirtschaft nicht anders und wir wollen ja in Richtung privatwirtschaftliche Grundsätze steuern. In der Sachpolitik sind Wünsche und Meinungen erlaubt, letztendlich kommt das Geld vom Staat und der hat es vom Steuerzahler. Der Eigentümer darf sich wünschen, wer sein Vertreter im Aufsichtsrat ist. Der Eigentümer darf sich bis zu gewissen Grenzen, die im Aktienrecht festgeschrieben sind, etwas wünschen.

STANDARD: Die Politik verlangt von den Staatsbetrieben nach betriebswirtschaftlichen Kriterien vorzugehen und Gewinne zu machen, gleichzeitig werden volkswirtschaftliche Aufgaben wie Sozialtarife vorgegeben. Wie gehen Sie damit um?

Huber: Das muss nicht unbedingt ein Widerspruch sein. Grundsätzlich muss man aber dem Staat und der Politik klar machen, dass nicht nur jener, der zahlt, anschafft, sondern umgekehrt auch festhalten: wenn sich die Politik was aussucht, dann muss sie es auch bezahlen. Wer anschafft, muss dann auch wirklich zahlen.

STANDARD: Verkehrsminister Hubert Gorbach korrigierte Sie und meinte, den Generalverkehrsplan samt Koralm- und Semmeringtunnel müssen Sie nicht mehr prüfen, der gelte weiter. Ihre Antwort?

Huber: Heute keine Antwort.

STANDARD: Welches Konzept haben Sie für die ÖBB?

Huber: Wir sind derzeit in einem umfangreichen Umstrukturierungsprozess, von der alten ÖBB, wo alles in einem stattfand, hin zu einer Leitgesellschaft, der ÖBB Holding, die keine operativen Aufgaben mehr hat und mit vier operativen Gesellschaften agiert. Im Güterverkehr darf das reine Transportieren von Gütern nicht genug sein, das Ziel heißt intelligente Logistik. Das heißt Güter werden in Verteilerzentren entgegengenommen, kundengerecht zugeordnet und dann verteilt. Im Personenverkehr gilt es die zuletzt 280 Millionen Kunden noch zufriedener zu stellen, sowie die Züge, das Angebot und die Kundenfreundlichkeit zu verbessern.

STANDARD: Ist die Holding nicht zahnlos, weil die Vorstände auf die operativen Töchter nicht durchgreifen können?

Huber: Ist sie nicht, sie heißt ja nicht umsonst Leitgesellschaft, die die Strategien vorgibt und sagt, welche grundsätzlichen Regeln die einzelnen Gesellschaften einzuhalten haben. Und die Holding steuert diese vier Gesellschaften über die Finanzen, Strategie und Motivation. Die operativen Gesellschaften müssen sich darum kümmern, dass die Züge pünktlich und sauber von A nach B fahren. Aber in welche Richtung das Unternehmen ÖBB in Summe steuert, ist Sache der Holding.

STANDARD: Wird der Ausbau des Personenverkehr ohne zusätzliches Geld gehen?

Huber: Wir müssen die Strukturen schaffen, um in der Lage zu sein, einen gewissen Eigenfinanzierungsgrad aufzubauen. Es gibt bei den ÖBB genug Potenzial, begonnen bei Liegenschaften und Immobilien über Restrukturierungen und Kosteneinsparungen. Es muss eine Mischung sein. Wenn wir in der Lage sind, Kosten zu sparen, Erlöse zu steigern, stille Reserven zu heben und damit einen Finanzierungsbeitrag zu leisten, dann wird der Weg zum Finanzminister und zum Geld wesentlich besser werden.

STANDARD: Im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz ist Bahnfahren bei uns billig, wird es Preiserhöhungen geben, um die Selbstfinanzierungskraft beim Personenverkehr zu heben?

Huber: Preiserhöhungen wird man sich sehr genau anschauen müssen.

STANDARD: Wird es eine Kooperation im Güterverkehr geben? Die Deutsche Bahn ist an RailCargo interessiert.

Huber: Wir werden alle Optionen genau prüfen; die Ostexpansion ist sicher ein Thema. Der Güterverkehr in der Slowakei steht nächstes Jahr zum Verkauf. Dann werden wir sehr genau anschauen müssen, woher wir das Geld bekommen (für Beteiligungen; Anm). Da gibt es mehrere Möglichkeiten, etwa Kooperationen oder auch einen Börsegang des Güterverkehrs.

STANDARD: Wie viel überzähliges Personal werden Sie abbauen?

Huber: Mir gefällt das Wort überzählig nicht. Es kann sich herausstellen, dass es durch Umstrukturierungen zu viel gibt, das ist möglich. Wir werden uns zunächst sehr genau die Relation von Beschäftigten zum natürlichen Abgang ansehen. Wir werden nur aufpassen, dass nicht die guten Leuten gehen. Wir haben 47.000 Mitarbeiter und einen natürlichen Abgang von 1000 bis 1500 pro Jahr. Das sind bis zu 7500 in fünf Jahren, ohne jemandem wehzutun. Parallel dazu werden wir laufend prüfen, wann die kritische Untergrenze erreicht ist.

STANDARD: Welche Mitarbeiter werden Sie von der Porr mitnehmen?

Huber: Meine Assistentin und den Chauffeur. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.9.2004)

Zur Person

Martin Huber, 44, wurde am Donnerstag einstimmig vom ÖBB-Aufsichtsrat zum neuen Vorstandssprecher der ÖBB bestellt. Huber kommt von der Porr, wo er seit Anfang 2003 im Konzernvorstand ist.

Das Gespräch führten Claudia Ruff und Günther Strobl.

  • Der designierte ÖBB-Chef will die Bundesbahn "in Richtung privatwirtschaftlicher Grundsätze" steuern.
    foto: cremer

    Der designierte ÖBB-Chef will die Bundesbahn "in Richtung privatwirtschaftlicher Grundsätze" steuern.

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