Bad Girls

20. Oktober 2004, 07:00
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Verführerinnen in Geschichte und Gegenwart: Von der biblischen Eva bis zur poppigen Madonna

Was ist eigentlich eine Verführerin? Wer erfindet sie? Welche Faktoren beeinflussen ihre Schöpfung? Oder kreiert sie sich selbst? Die Autorin Jane Billinghurst hat zur Befriedigung dieser Fragen recht einleuchtende Thesen aufgestellt, die aufgrund des reichlich zusammen getragenen und sich gegenseitig stützenden Materials ein durchaus realistisches Theoriegebäude ergeben.

Dabei hat es sich die Philosophin und Germanistin nicht leicht gemacht und ausführlich im Fundus gesellschaftlich kultureller Darstellungen der Verführerin in all ihren Fasetten gekramt. Beginnend mit den frühen mythologischen Figuren wie Eva, Lilith, Phyllis, Pandora, Circe, und wie sie alle heißen, welche für das Unglück der Welt oder zumindest für jenes der Männer verantwortlich gemacht wurden, bis zu den heutigen modernen Ikonen verführerischer Weiblichkeit (Sharon Stone in "Basic Instinct", Pop-Legende Madonna etc.), die genauso bedrohlich wie faszinierend zugleich abgebildet werden, reicht der Bogen dieses Buches.

Die Verführerin im Wandel der Zeit

Dabei - und das ist das Interessanteste - zeigt Jane Billinghurst, wie gesellschaftspolitische Entwicklungen und Zäsuren das Bild der Verführerin prägen. Am deutlichstes wird diese symbolische Anpassung der verführerisch-bedrohlichen Frau mit der Etablierung der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert: "Je kämpferischer sich die europäische Frauenbewegung gab, desto hektischer mühten sich Europas Männer, prägnante historische Beispiele für die von den Frauen ausgehende Bedrohung zu finden. Salome wurde schnell zum Urmodell einer Verführerin, die den Mann im wahrsten Sinne des Wortes um Kopf und Kragen bringt", schreibt Billinghurst.

Die Verführerin als Gegenmodell

Denn im 19. Jahrhundert hatte nicht nur der Aufstand der Frauen, sondern auch die fortschreitende Industrialisierung an der männlichen Selbstherrlichkeit gekratzt. Darum scheint es kein Zufall zu sein, dass zu diesem Zeitpunkt zwei extrem unterschiedliche Frauenbilder geschaffen wurden. Das eine von Männern Erwünschte - brav, keusch, häuslich - und das Andere - selbstbestimmt, unersättlich, dämonisch - welches die männliche (Ur)Angst rührte.

Femme fatale, Vamp, Sexbombe

In den 30er- und 40er-Jahren bestimmten dann vor allem die Erscheinungsformen der Femme fatale, der Sexbombe und des Vamps das Bild von der Angst einflößenden Verführerin. Marlene Dietrich, Jean Harlow, Clara Bow und Rita Hayworth verdrehten den Männern die Köpfe, die ihrerseits zwar voller Bewunderung für diese Geschöpfe waren, aber gleichzeitig beteten, ihre eigenen Frauen mögen nicht so sein.

Nach dem Faschismus konnten gröbere Aufregungen nicht gebraucht werden und so lieblich wie die "goldenen 50er-Jahre" mit der starken Sehnsucht nach Idylle war auch das Geschöpf der Verführerin. Marilyn Monroe galt zwar als "sexy", aber nicht gefährlich. Vielmehr verkörperte sie das harmlose, anschmiegsame Kätzchen.

Die "Liberalität" der 60er wiederum brachte das Spiel mit "Extremen": die ältere reife Frau auf der einen Seite (Mrs. Robinson in "Die Reifeprüfung") und das Schulmädchen "Lolita" auf der anderen. Wie die Verführerin ab den 70er-Jahren ausschaut, ist den meisten noch gut in Erinnerung. Wenn nicht, kann dies im vorgestellten Buch nachgelesen werden. Nur soviel sei noch verraten:

Die Verführerin als Rechtfertigung

Die Autorin ist davon überzeugt, dass Männer sich zwar als überlegenenes Geschlecht definieren, doch in Wahrheit von Frauen - allerspätestens in der Sexualität - abhängig sind. Um dieses "Defizit" zu verschleiern, bedurfte es der Verführerin, der unwiderstehlichen Frau, welche die Männer zum Fall bringt. Und egal wie sie stilisiert wird: der Mann ist Wachs in ihren Händen. (dabu)

  • Jane Billinghurst:
Bad Girls
Verführerinnen von Eva bis Madonna
Gerstenberg 2004
ISBN 3-8067-2931-X
Euro 25,60
    foto: buchcover/gerstenberg
    Jane Billinghurst:
    Bad Girls
    Verführerinnen von Eva bis Madonna
    Gerstenberg 2004
    ISBN 3-8067-2931-X
    Euro 25,60
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