Österreich nutzt Potenzial der Migranten nicht

15. Oktober 2004, 13:15
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Werden als finanzielle Last und nicht als Bereicherung gesehen - Migrationsforschung sei unzureichend - Mit Studie zum Download

Wien - Österreich verstehe sich nicht als Einwanderungsland, obwohl Österreich eine lange Tradition an Einwanderung habe. Und: Österreich schaffe es nicht, aus dem Potenzial der Migranten "vollen Nutzen" zu ziehen. Auf diese Ergebnisse kommt die aktuelle Pilotstudie "Der Einfluss von Immigration auf die österreichische Gesellschaft", die von der Internationalen Organisation für Migration Wien (IOM) von Mai bis September 2004 durchgeführt wurde und am Freitagabend in Wien präsentiert wird.

Der Anteil der Migranten (Anm. der nicht in Österreich Geborenen) an der Gesamtbevölkerung liege bei etwa zwölf Prozent. Von 1989 bis 1993 verdoppelte sich die Anzahl der Migranten von 387.000 auf 690.000. Statistik Austria spricht von einem "Einbürgerungsrekord" im Jahr 2003: über 40.000 Menschen wurde die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

Als finanzielle Last und nicht als Bereicherung gesehen

Immigration werde von der Bevölkerung eher als (finanzielle) Last und nicht als Bereicherung gesehen. In den frühen 70er und 60er Jahren seien Fragen nach dem Nutzen und den Kosten der Zuwanderung von "Gastarbeitern" auf Grund des Arbeitskräftemangels zweitrangig gewesen. Das habe sich mit dem vermehrten Familienzuzug und mit der steigenden Anzahl von Flüchtlingen in den 90er Jahren geändert. 1997 haben 6.719 Personen einen Asylantrag gestellt, 2003 waren es bereits 32.364. Diese Zuwanderung beeinflusste auch immer wieder die österreichische Gesetzeslage.

Allerdings belegt die Studie, dass Migranten die Sozialbudgets insgesamt gesehen nicht belasten: sie zahlen gleich viel ein wie sie wieder herausnehmen. Der höhere Bezug von Kinderbeihilfen werde kompensiert durch die geringere Nutzung der Bildungseinrichtungen.

Kultur und Folklore

Positiver wird Migration in Zusammenhang mit Kultur und Folklore gesehen. Anfangs seien die Geschäfte und Restaurants zur Versorgung der eigenen ethnischen Gruppe entstanden - bis sie auch von der übrigen Bevölkerung angenommen und genutzt wurden. Das Essen, der Einfluss auf Handwerk und Kunst führe zu Vielfalt und werde als bereichernd erlebt. Ein Detail aus der Landwirtschaft: Die Wiederbelebung der Schafzucht in Österreich hänge mit der vermehrten Nachfrage der türkischen Migranten zusammen.

Die Pilotstudie sei ein erster Versuch eine Bestandsaufnahme der Migrationsforschung in Österreich zu machen und auf das "breit gefächerte" Thema über die Auswirkungen der Migration interdisziplinär heranzugehen. "Es fehlt in Österreich an institutionellen und finanziellen Grundlagen für Migrationsforschung. Es gibt weiters keinen eigenen Studienzweig. Das ist ein großes Manko", kritisiert die wissenschaftliche Koordinatorin der Studie, Sophie Hofbauer gegenüber der APA.

Es handelt sich bei der Studie um den österreichischen Beitrag im Rahmen der europaweiten Pilotstudie im Auftrag der Europäischen Kommission. Das Projekt wird parallel in acht weiteren EU-Ländern (Deutschland, Portugal, Niederlande, Italien, Irland, Griechenland, Schweden und Großbritannien) durchgeführt. Die Ergebnisse sollen dann auf EU-Ebene zusammengeführt und im Rahmen einer Konferenz in Brüssel im Frühjahr 2005 präsentiert werden. (APA)

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