Der arme Thomas

30. September 2004, 23:23
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Teil 41 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Bücher werden Sie bei mir nicht finden. Ich kenn niemand, der so wenig liest wie ich." (Thomas Bernhard)

Als mein Sohn Clemens, damals zwölf, den vierzehnjährigen Johnny Schnurpfeil, Sohn eines Amerikaners aus der Kaserne auf den Hügeln jenseits der Isar, mit seinen von den frisch geteerten Straßen kohlschwarzen Fußsohlen, seiner runden amerikanischen Schädelform, seinem hellen kurz geschnittenen Haar und seiner Größe zu bewundern begann - lange vor Bob Dylan, aber kurz vor Thomas Bernhard -, konnte man bei ihm genug Bücher finden, wenn auch wenig gelesene, er wollte damals ihre Geschichte lieber erzählt bekommen, und möglichst noch, solange Johnny bei ihm war, und der durfte lange bleiben. Als Clemens vierzehn war, löste Thomas Bernhard Johnny Schnurpfeil ab.

Thomas Bernhard hatte mir damals gesagt, ich solle kommen, wenn ich Sorgen hätte, welche auch immer, und ich rief an, die Verträge von Suhrkamp schienen schwer durchschaubar. Drei Stunden später stand Bernhard bei uns in der Tür, sein Wagen schräg hinter ihm. "Da kann man nichts machen." (Th. B.) Der arme Thomas - von Inge Scholl an seinem Grab am Grinzinger Friedhof so genannt - stand kurz im Garten.

Seither versuche ich herauszufinden, in welchem Maß der arme Thomas ein armer Thomas war - und bin noch lange nicht damit fertig. Wie sehr der liebe Augustin ein "lieber" Augustin war, hatte ich auch noch nicht herausgefunden, ehe Thomas Bernhard an seiner Stelle auftauchte.

Clemens und sein verzweifelter Blick hatten genügt, ich rief ihn an und wir fuhren nach Ohlsdorf: Clemens, seine kleine Schwester, zwei Mütter und die Taxifahrerin. Bernhard holte uns herein, bot allen Kletzenbrot und Most an und blieb eine Weile. Ob Josef II. schon aus seinem Rahmen über uns hinwegschaute, ob das Schlafzimmer für Gäste mit dem Spieltisch und der Sitzecke uns schon auffielen, ob die unbekannte Dame aus der Rokokozeit an uns vorbei sah?

Man sollte es dem Vergessen anvertrauen und der Erinnerung freistellen, was sie zulässt und was nicht. Clemens weinte auf dem Heimweg und hörte nicht auf damit. Heute scheint es mir, er hätte bis zu seinem Tod im Februar 1998 nicht damit aufgehört.

E. M. Cioran: "In den Gärten des Abendlandes hat die Schlussstunde geschlagen." Die Häuser und Räume Bernhards könnte man zu den Gärten des Abendlandes zählen, aber wem die Schlussstunde geschlagen hat, muss jeder allein finden. "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt", zitierte Clemens mit Kreide auf der Schiefertafel in der Großgmainer Küche.

Letzten Sonntag, nach einem kurzen Aufenthalt in St. Gilgen, vor dem Haus, aus dem die Mutter Mozarts stammt, die rasche Fahrt nach Ohlsdorf, Thomas Bernhard auf der Spur. "Die Nächte schlaflos und durchhustet, die Angst um den Atem." Im "Bernhard-Haus": Ein Gewehr auf der Gardinenstange im Schlafzimmer, der Totschläger hinter der Küchentür, der Hirschfänger auf der Zeitungsnotiz mit der Todesnachricht seiner Mutter.

"Schau, das ist jetzt eigentlich der Todestag vom Großvater", bemerkte Thomas Bernhard am Vorabend seines Todes am 12. Februar 1989 - keine Antiprunkrede. Ein Leserbrief zur Erhaltung der Gmundner Straßenbahn ist seine letzte Publikation.

Jetzt wird der Herbst kühler, die Schatten wachsen, aber ihre Spiele werden auch der neuen, kälteren Jahreszeit standhalten. Thomas Bernhard ist wieder unterwegs.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9.2004)

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