43 Prozent haben keine 40-Stunden-Woche mehr

30. September 2004, 15:07
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"Flexibilität ist kaum mehr ausbaubar"

Wien - Rund 21 Prozent der österreichischen Vollzeitarbeiter jobben bereits jetzt länger als 40 Stunden in der Woche, weitere 22 Prozent haben ihr Soll erst nach 45 Stunden geschafft. Mit dieser Statistik vor Augen sei die Idee einer Ausweitung der Normalarbeitszeit von acht auf zehn Stunden für ihn "nur eine Farce", schmettert Rudolf Kaske, Chef der Tourismusgewerkschaft, nun die Forderungen von Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl ab.

Mit Blick auf seine Branche, führt der Gewerkschafter zum Thema bereits bestehender Flexibilität etwa die Kollektivverträge in der Zuggastronomie an, wo das Personal bis zu 60 Stunden im Einsatz ist. Oder: Vier-Tage-Verträge in der Hotellerie, wo bereits zehn Stunden Arbeit auf der Tagesordnung stehen können.


Totes Recht

Dies sei aber oft "totes Recht, weil viele Betriebe es ignorieren." Kaskes Vermutung: "Dazu müssen Dienstpläne erstellt werden, eine Pflichtübung, die vielen zu lästig ist."

Zwingende Voraussetzung für mögliche weitere Flexibilisierungsmodelle sei deshalb eine Win-win-Situation - in der also keine Überstundenzuschläge gekippt werden dürften. So wie es sich jedoch Leitl vorstelle, sei eine Ausweitung der Arbeitszeit lediglich "moderner Lohnraub".

Kritik erntet auch Leitls Idee zur Saisonverlängerung. Dabei würden Erfahrungswerte negiert, heißt es. Im Gros der Fälle könne ein Tourismusbetrieb mit acht Monaten Saison nun etwa einen Monat länger offen halten, mehr aber nicht. Jeder Hotelier würde sich weigern, ohne Gäste Daumen zu drehen.

Wie berichtet, kann sich die Österreichischen Hoteliervereinigung eine Saisonverlängerung nur dann vorstellen, wenn das Arbeitsmarktservice einen Monat lang die Lohnnebenkosten trägt.

Als großes Problem stellt sich weiterhin, dass immer mehr Tourismusarbeiter überhaupt keinen Job mehr bekommen. Sogar in der Hauptsaison, so Kaske, seien die Leute - anders als früher - auf der Stelle gekündigt worden, wenn die Gäste einmal wetterbedingt ausblieben. Im August stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Branche um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat an. Nicht verwunderlich, dass der Fremdenverkehr vermehrt zur "Fluchtbrache" wird. Auf STANDARD-Anfrage zählt Kaske Gegenmittel auf : Eine transparentere Entlohnung, die Schaffung von betriebsübergreifenden Karrierepools, familienverträglichere Arbeitszeitmodelle bzw. Freizeitblöcke und Mitarbeiterwohnungen, die gemeinsam mit Gemeinden und Wohnbauträgern zur Verfügung gestellt werden. Nur auf Saisoniers zu setzen sei die falsche Strategie. Vor allem bei Letzterem glaubt Kaske jedenfalls erste Anzeichen von Einsicht zu orten. Die Wunschliste für die heurigen Winter-Saisonier-Kontingente könnte erstmals "kürzer ausfallen." (Monika Bachhofer, Der Standard, Printausgabe, 24.09.2004)

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