Wer Erfolg hat, der hat Recht

4. Oktober 2004, 20:16
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Smudo von den Fantastischen Vier im Gespräch über das neue Album "Viel", Klischees im HipHop und Pop-Pensions-Pläne

Die Fantastischen Vier zählen zu den Gründungsvätern des deutschen HipHop. Anlässlich des Erscheinens ihres neuen Albums "Viel" sprach Rapper Smudo mit dem STANDARD über Erfolg, Klischees im HipHop und die Aussichten, als Popstar in Pension zu gehen.


Wien – Smudo, einer der vier deutsche Rapper von der Formation Die Fantastischen Vier, knotzt auf einer Couch in einer Hotelsuite. Anlass dafür ist die Veröffentlichung des neuen Albums Viel, das am Montag, 27.9., erscheint. Doch wirklich entspannte Stimmung kommt nicht auf. Dafür sorgen einerseits zwei Kameraleute und ein Toningenieur, die alle Interviews dieser Promotiontour aufnehmen. Das Material ist für eine "Making of"-DVD gedacht.

Der andere Grund ist Smudo selbst: Er hält es nie lange in einer Sitzposition aus, wechselt ständig vom Liegen ins Sitzen und zurück. Dazwischen versucht er – der Mann ist immerhin Rapper –, seinen nicht zu geringen Redefluss zu kanalisieren. Erste Frage angesichts der Interviewumstände: Wird das Drumherum immer wichtiger als die Musik selbst?

Smudo: "Unsere Szene bekam immer extrem viel Aufmerksamkeit von den Musikkanälen MTV und VIVA. Die Verkäufe standen jedoch in keiner Relation dazu. Joy Denalane etwa, ein Act unseres Labels Four Music, hatte ein tolles Video und wirklich viel Airplay. Aber erst als sie in Talksendungen auftrat und dort Privates erzählt hatte, ging das Album in den Charts 30 bis 40 Plätze hoch. Die Leute kaufen heute weniger Platten, hören weniger bewusst Musik. Um sie zu erreichen, muss man zu solchen Mitteln greifen. MTV macht kein schlechtes Programm, es ist nur keine Clip-Abspielstation mehr."

Fanta Vier, so die gängige Kurzform des Bandnamens, bestehen seit 15 Jahren und zählen zu den Gründungsvätern des deutschen HipHop. Zu ihren bekanntesten Stücken zählen Die da!?! (1992) oder mfg (1999). Im Jahr 2001 lud MTV Fanta Vier als die erst zweite deutsche Band nach Superstar Herbert Grönemeyer zu einer Unplugged-Session ein.

Das in einer Höhle mit über 20 Musikern eingespielte Konzert verkaufte sich wie warme Brötchen und erreichte auch Publikum abseits der HipHop-Stammkundschaft. Neben Fanta Vier betreiben Smudo (bürgerlich: Michael Bernd Schmidt) und die drei restlichen Mitglieder – Deejot Hausmarke, Thomas D und And.Ypsilon – diverse Soloprojekte wie etwa das Dance-‑ flour-Unternehmen Turn-‑ tablerockers.

Wie fühlt man sich als in die Jahre kommender HipHopper? Smudo, Jahrgang 1968, grinst und setzt sich auf: "HipHop scheint mir keine reine Jugendkultursache mehr zu sein. Die Tochter eines Freundes von mir ist 15. Die findet HipHop wahnsinnig spießig. HipHop ist auf jeden Fall etwas sehr Eigenständiges geworden. Von da aus lässt sich viel unternehmen, wie unser neues Album zeigt, das viel breiter und vielfältiger ausgefallen ist. Wie lange man das altersmäßig machen kann, wird sich weisen."

Betrachtet man sich die HipHop-Videos amerikanischer Vorbilder, entsteht der Eindruck, dass sich das Genre auf sexistische (Ärsche, Möpse ...) oder kapitalistische (Goldketten, Autos ...) Banalitäten reduziert. Smudo: "Es ist echt schlimm. Aber es gibt auch Sachen mit Humor, wie die Videos von Outkast zeigen. Ich denke, dass wird sich von selber lösen, wenn es niemanden mehr interessiert. Andererseits: Wenn es ein Afroamerikaner aus rassistischen und diskriminierenden Rahmenbedingen heraus schafft, hat er das Recht, sich mit einer dicken Goldkette hinzustellen und zu sagen: Es geht mit meinen Methoden."

Schmalz und Schlager

In Deutschland wiederum blüht der Etikettenschwindel mit dem Genre. Wo HipHop draufsteht, ist nicht selten – siehe den rappenden Schmalztiegel Xavier Naidoo – eigentlich Schlager drinnen. Smudo: "Die sollen machen was sie wollen, wenn's gekauft wird, wird’s gekauft. Da hab' ich kein Problem damit."

Diese "Der-Zweck-heiligt-die-Mittel- Sichtweise" hat der Stuttgarter auch bezüglich der Fließbandproduktionen von angesagten Produzenten wie den Neptunes oder Timbaland, von denen sich diverse Stars und Sternchen ihre musikalische Unterlage maßschneidern lassen.

"Der Erfolg gibt allen in ihrem Segment Recht. Gute Produzenten sind selten. Daher kann ich schon verstehen, dass solche Leute eben von vielen konsultiert werden. Es gab da so ein Onlineangebot von Sterling Sound in New York. Da haben wir ein Problemstück des neuen Albums zum Mastern hingeschickt, und die haben das echt gut hingekriegt. Und das in vier Tagen!"

Thema – mit HipHop in die Pension: "Ich hoffe, dass das jetzt noch kein Thema für mich ist. Wenn man einmal 50 ist, muss man sich sicher fragen, ob Pop noch ein adäquates Mittel zum Übermitteln von Gefühlen ist. Ich merke selber, dass das Identifizierungspotenzial von Pop bei mir mit zunehmendem Alter geringer wird. Mein Geschmack ist zwar breiter, jedoch nicht unbedingt vertiefender geworden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9.2004)

Von Karl Fluch

Die Fantastischen Vier: "Viel" erscheint am 27.9. bei Sony

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