Gewalt erst durch Frauenbewegung enttabuisiert

26. September 2004, 17:00
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Die Formen struktureller Gewalt gegen Frauen sind vielfältig und desöfteren subtil

Alle fünf Minuten wird eine Frau vergewaltigt. Alle sieben Sekunden wird eine Frau von ihrem Mann geschlagen. Jede fünfte Frau ist mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt worden. Jedes vierte Mädchen ist in der Kindheit von sexueller Gewalt bedroht. Jeder achte Mann übt Gewalt gegen eine Frau aus. 67 Prozent der weiblichen Mordopfer werden von ihren Männern umgebracht. Die Zahlen sprechen für sich; Dunkelziffern sind nicht vorstellbar.

Herrschaftsmittel Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist alltägliche, ja minutiöse Realität - und das weltweit. Die gegenwärtige tagtägliche Normalität. Gewalt gegen Frauen ist ein "erfolgreich" tradiertes Herrschaftsmittel von Männern gegen Frauen. Kate Millet ortete die Ursachen dieser Gewalt in der "patriarchalischen Organisation und Struktur der Gesellschaft" selbst. Mit diesem geschlechtsspezifischen Phänomen, das auf eine Rangordnung verweist, soll laut Carol Hagemann-White gezeigt werden, "dass sie als Weib - ganz gleich wer sie sonst ist - Gebrauchsobjekt für Männer und somit jedem Mann sozial unterlegen ist".

Geschichte der Gewalt

Frauen waren immer von Gewalt bedroht. Denken wir an die barbarische Behandlung der Frauen bei den Griechen, an die Vernichtung der Hexen im Zuge der Inquisition, an das Züchtigungsrecht des Ehemannes bis Mitte des 19. Jahrhunderts, an die Genitalverstümmelungen, an die Tradition des chinesischen Füße-Einbindens etc, etc.... Die Geschichte der Frauen erweist sich als eine Unterdrückungsgeschichte, geleitet von "gewaltvollen patriarchalen Ideologien". (Karin Bergdoll)

Privatisierung der Gewalt

Laut UNICEF-Berichten ist der zentrale Ort der Angriffe auf Frauen ihr Zuhause. Das bedeutet, dass im Laufe der Jahrhunderte eine teilweise - offizielle - Verschiebung der Gewalt stattgefunden hat. Indem Gesetze und Menschenrechte zumindest im Westen Gewalt gegen Frauen staatlich zu unterbinden versuchten, und somit die Frau rechtlich öffentlich nicht mehr antastbar ist, verlagerten sich die extremsten Äußerungen der Gewalt mehr und mehr ins Private.

Die - nicht fassbare - Aggression gegen Frauen - warum bloß? warum? - findet verstärkt in der Privatsphäre statt. Da wütet sie, oft verborgen, dafür umso ungehemmter, im Namen der Liebe. Ehemänner, Väter, Onkel, "Liebhaber" vergewaltigen, schlagen bis zum Tod, würgen, morden. Treiben sexuellen Missbrauch. In den vertrauten vier Wänden. Verdeckt, denn allzu oft werden ihre Greueltaten nicht entdeckt. Oder erst dann, wenn es zu spät ist. Jahrelanges, jahrzehntelanges Martyrium der Frauen, die es nicht schaffen, die sich nicht trauen, ihre Peiniger zu verlassen.

Strukturelle Gewalt

Über Jahrhunderte wurde versucht, Gewaltattacken gegenüber Frauen als Ausnahme, individuelles Versagen, Kavaliersdelikt hinzustellen. Erst die Frauenbewegung in den 70er Jahren begann mit der Enttabuisierung und Politisierung des Gewaltthemas. Sie erkannte, dass es sich nicht um ein individuelles Randproblem, sondern ein allumspannendes gesellschaftliches Phänomen handelt. Die Frauenbewegung war es dann auch, die Frauenhäuser initiierte, welche misshandelten Frauen und ihren Kindern Schutz bieten sollen. Doch das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen hat sich nicht verringert. Sogar nach der Trennung müssen Frauen noch mit Verfolgung, Repressionen und Mord rechnen - sie werden auch weiterhin als Besitz betrachtet.

Mit der Auseinandersetzung des Problems Gewalt gegen Frauen setzte jedoch auch eine Entradikalisierung ein: "Je mehr die Erscheinungsformen der Männergewalt in den Mittelpunkt des Interesses getreten sind, umso mehr sind Fragen nach der Verwurzelung dieser Gewalttaten in den Intentionen und Strukturen der Männergesellschaft aus dem Blick geraten". (Carola Wildt)

Demgemäß unterscheidet die Frauenbewegung zwischen struktureller und personaler Gewalt (direkte physische Angriffe), wobei erstere oft in subtilen Formen auftritt:

Krankheit Frau

In Medizin und Psychiatrie wird die Frau als die Andere/Fremde behandelt. Besonders in der Gynäkologie herrschen Theorie und Praxis von der "Krankheit Frau". In der Psychiatrie gilt jede Abweichung vom Klischée der angepassten Frau als kritisch. "Hysterische" Frauen werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt.

Arbeitstier Frau

Ökonomische und rechtliche Gewalt: Frauen verdienen weniger, haben geringere Aufstiegschancen, die schlechteren Jobs, müssen sich männlichen Strukturen unterordnen.

Sklavin Frau

Frauen in der Dritten Welt: Sklaverei, Frauenhandel, Polygamie, Genitalverstümmelung, Sextourismus...

Opfer Frau

Physische Gewalt: Vergewaltigung ist Unterwerfung, Misshandlung, Mord, sexueller Missbrauch an Mädchen...

Objekt Frau

Sexismus in Werbung und Medien: Degradierung auf ein Objekt, Fleischbeschau... "Von Männern wird häufiger die Gesamterscheinung gezeigt, wir werden an die Betrachtung unserer Zerstückelung gewöhnt" (Hagemann-White)

"Frei" auf der Wildbahn

Frauen sind Freiwild: Frauen ohne männliche Begleitung haben ständig mit sexuellen Übergriffen in Worten und Taten zu rechnen. Ob "Anmache" auf der Straße, in Lokalen oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Frauen sind nie vor Übergriffen gefeit.

Trautes Heim - Glück allein

Die meisten Gewaltdelikte werden von Ehemännern und Partner begangen. Frau gilt als Eigentum des Mannes, der ein Verfügungsrecht über sie zu haben glaubt, auch wenn das alte Züchtigungsrecht des Ehemannes abgeschafft worden ist. Jedoch wird Vergewaltigung in der Ehe als Delikt erst dann anerkannt, wenn die Frau Verletzungen vorweisen kann.

"Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung ist die Praxis"

Sexuelle Skaverei, Pornografie und Prostitution: Frauen gelten als Ware. Prostitution und Pornografie sind doppelte Gewaltverhältnisse. Indem Männer von ihnen Gebrauch machen, verletzen sie jede Frau: "Als Aktiver bei der Prostituierten, als Zuschauer bei der Pornografie kauft der Mann Inszenierungen der Sexualität, deren Dasein in der Gesellschaft den Schein herstellt, Frauen - die bei diesen Inszenierungen immer sprachlos, Objekt sind - könnten freiwillig Ähnliches wollen. Zum anderen aber werden die beteiligten Frauen vielfach durch unmittelbare persönliche Gewalt zu der Arbeit als Prostituierte oder Pornodarstellerin gezwungen". (Carol Hagemann-White)

Widerständische Frauen

Die Geschichte lehrt uns nicht nur am extremsten Beispiel der Frauenvernichtung, der Massenermordung sogenannter "Hexen", mit der die Neuzeit eingeläutet worden ist, dass weiblicher Widerstand tödlich sein kann. Frauen, die sich der ihnen aufoktroyierten Rolle nicht unterwerfen, stellen eine Bedrohung dar. Wo sie nicht beherrscht, gefügig gemacht werden kann, wird sie attackiert oder/und ausgelöscht. (dabu)

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    Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen in Argentinien.
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